| schandfleck.ch_archiv/1999/nr.4 |
georg
l'homme
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schandfleck gespräch - wie geht's dem militarismus? teil 1 |
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| zu dieser gesprächsrunde
um die wehrpflicht, den zivilen wie militärischen pflichtdienst,
lud georg l'homme (gl), berater in bern. es diskutieren: ruedi tobler,
präsident des friedensrates, daniel (dänu) costantino, sekretär
der berner beratungsstelle, ruedi winet, sekretär der zürcher
beratungsstelle, stefan luzi, engagiert bei der gsoa und berater in zürich,
sowie urs geiser (gigi), einstiger berater und leiter des zivildienst
ch. gl - ruedi
tobler, du bist von dieser runde bereits am längsten in diesem temenbereich
engagiert und hast ihn gezwungenermassen auch schon am längsten mitverfolgt.
was waren die besonderen weiterentwicklungen des wehrdienstes? kannst
du uns hier ein kurzes resumée geben? ruedi t - bis
vor einigen jahren war es grundsätzlich immer gleich. wer militärdienst
nicht machte, nicht auf dem blauen weg wegkam oder ins ausland abhaute,
bekam knast. - da gab es im detail zwar schon auch veränderungen,
die für die betroffenen nicht irrelevant waren. als ich das erste
mal sass, das war im '67, hatte ich drei monate einzelhaft, und der spaziergang
war noch so wie in den karikaturen: im kreis herumlaufen, redeverbot.
demgegenüber hat sich der heutige vollzug massiv verändert.
was ich noch erlebt habe, war über nacht und wochenende im knast
sein und tagsüber im spital arbeiten. was auf eine art nicht nur
eine erleichterung war, muss ich ehrlicherweise auch sagen... dänu -
ja, das habe ich auch so erlebt. ruedi t - ich
hatte keine erfahrung mit spitalarbeit und war nun plötzlich hilfspfleger
im op und sah sachen, die auf der einen seite spannend waren, auf der
anderen auch belastend. du hattest keine möglichkeit, am abend mit
jemandem darüber zu sprechen, denn dann bist du wieder in deiner
zelle gelandet. ich habe die spannung im moment nicht so realisiert, sondern
erst im nachhinein begriffen. ich hatte einen halben koffer voller bücher
dabei und hatte vor, sie alle zu lesen. ich habe nicht eines davon gelesen.
ich habe aber sehr viel aus der gefängnisbibliotek, krimis, abenteuerromane
und so zeug verschlungen. es ist mir erst im nachhinein klar geworden,
dass ich wegen der grossen belastung nicht fähig war, mich am abend
noch mit ernsthaften sachen auseinanderzusetzen... stefan - ja,
ich habe die gleichen sachen wie du konstatiert. es gl - nur rasch
zur klärung: es wird vor 2003 sicher keine freie wahl zwischen militär
und bevölkerungsschutz geben. stefan - wir
möchten auch in der schweiz die diskussion umschichten. es geht ja
nicht nur um die nationale ebene, sondern um einen internationalen beitrag
der schweiz. wir möchten da den zfd (freiwilliger ziviler friedensdienst)
in die diskussion einbringen; wo sind eigentlich die notwendigkeiten?
wo - das tönt jetzt banal - wo gibt's etwas zu tun? oder wo muss
man eigentlich was machen? wir möchten auf diese fragen die richtigen
antworten finden. in diese richtung gehen eben auch unsere überlegungen
zum zfd. für uns war eigentlich von anfang an klar, wir möchten
den zfd nicht unter zwang stellen in der form, wie es jetzt funktioniert.
er hat ja primär auch nicht dieselben aufgaben wie der zivildienst.
wir möchten den zfd auch nicht als konkurrenz zum klassischen zivildienst
verstanden wissen, sondern als dienst, der aufgaben übernimmt, die
von offizieller seite in der letzten zeit oder eigentlich schon immer
vernachlässigt oder einfach privaten organisationen, den ngos, aufgehalst
wurden. ruedi w - ich
glaube nicht, dass man sich vom zivildienst verabschieden kann, denn die
wahlmöglichkeit zwischen bevölkerungsschutz und militär
kommt eher nicht. die sicherheitspolitische kommission hatte anfangs november
sitzung und sagte: "das wollen wir nicht!" was aber kommen wird:
dass bevölkerungsschutz und militärdienst parallel laufen werden
und nicht wie bis jetzt nachgelagert, zuerst militär und danach zivilschutz.
also entweder oder, aber es wird keine wahlfreiheit geben, schon deshalb
nicht, weil der zivilschutz viel weniger leute brauchen würde als
bisher. da müssen sie sich was anderes überlegen, wie sie die
bestände abbauen wollen. eben nicht, das ganze system so in frage
zu stellen, dass keine "wehrgerechtigkeit" mehr besteht. gl - ich habe
noch mit dem informationsverantwortlichen des "projekts bevölkerungsschutz"
telefoniert. sie wissen selber noch nicht genau, wie der bevölkerungsschutz
strukturiert sein wird, da sie in entscheidenden fragen drei oder mehr
varianten vorgeschlagen haben. er sagte mir auch, schlussendlich sei es
ein politischer entscheid und nicht unbedingt einer nach nützlichkeit
oder vernunft, einfach das, was politisch noch machbar wäre. - es
gibt auch den vorschlag, den zivildienst aufzulösen oder zu integrieren,
wie auch jenen vorschlag, zwischen militär und bevölkerungsschutz
wählen zu können. die zahl der dienstpflichtigen wird sich nur
schon wegen dem nebeneinander von militär und bevölkerungsschutz
reduzieren. und die kriterien für die einteilung zum bevölkerungsschutz
hängen eindeutig von der armee ab, wieviele männer die brauchen
wollen. er sprach auch offen von steuerungsmitteln wie der altersgrenze
und davon, dass untaugliche eventuell keinen zivilschutz mehr leisten
müssten. stefan - ich
denke einfach, der aspekt des milizsystems ist in dieser diskussion noch
wichtig und noch wichtiger als die frage der tatsächlichen notwendigkeit.
darin ist die armee recht geübt im moment, da sie sicherlich nicht
gebraucht wird. und auf die eine oder andere weise werden sie das auch
beim bevölkerungsschutz so schaukeln. dort geht's dann wahrscheinlich
mehr um die diskussion miliz für alle oder sonst eine richtung. gl - miliz
für alle schweizer männer. stefan - ja,
das auf alle fälle. (pause) gl - dann wiedermal
zurück in die gegenwart und zum zivildienst, wie er sich heute respektive
seit oktober '96 präsentiert. du gigi hast letztes mal gesagt, der
zivildienst sei eine "sinnvolle institution". was ist nun das
beste am zivildienst? gigi - es ist
mal eine sinnvolle institution, weil sie einen unhaltbaren zustand hat
beenden helfen. man kann da beginnen. aber es geht vor allem um den inhalt,
mit dem der zivildienst gefüllt wird, d.h. um die einsatzbereiche,
die es effektiv gibt. wenn ich das betrachte, also wo leute aus meinem
bekanntenkreis gelandet sind, wieviel handhabung sie hatten, selber ihren
weg zu bestimmen, sie konnten sich den einsatzort nicht grad frei wählen,
aber doch weichen stellen, dass sie dort gelandet sind, wo sie landen
wollten, in organisationen, die eindeutig zum rot-grünen lager gehören.
- zu zeiten der zivildienstinitiative hiess es: "ja, dort wollen
wir sie!" das war das rote tuch, diese organisationen wurden verschrien.
jetzt ist das so durch die hintertüre hineingekommen und wurde zur
selbstverständlichkeit - wie so vieles in den letzten jahren in dem
bereich. nun, zum glück ist es selbstverständlich geworden!
also, ich habe nicht den überblick, wo überall die leute beschäftigt
werden, aber meines wissens ist ein grosser teil via caritas bei der bergbauernhilfe
tätig... ruedi w - vorwiegend
sind sie im sozialbereich. gigi - ...und
wenn das so ist, dann entspricht der zivildienst wohl auch nicht meinen
idealvorstellungen. wir können wieder beginnen bei der gewissensprüfung,
die dem weiterhin vorausgeht, keineswegs ist es auch gerechtfertigt, dass
er anderthalb mal so lang dauert... wie es schon vor fünfzehn jahren
nicht war. gl - unter
den institutionen, die viele ziviplätze anbieten, sind beispielsweise
auch die zentralstelle zivildienst selber oder das bff, wo flüchtlinge
von dutzenden zivis betreut werden, daneben aber auch von wk-soldaten.
und so arbeiten dann hunderte von billigen arbeitskräften für
die schweizer regierung selber - und nicht für eine ngo oder eine
pädagogische familie. ruedi w - ich
denke, es hängt weitgehend von den zivis selber ab, was sie machen!
mich dünkt, viele zivis, die zugelassen wurden, kümmern sich
auch zuwenig darum, wo sie eingesetzt werden. diese woche hat mir eine
mutter telefoniert, die sich aufregte, dass ihr sohn nicht einfach zugewiesen
wurde an x einen zivildienstplatz. der müsse jetzt endlich gehen
können, und das müsse von oben her laufen. der würde sich
offenbar gar nicht darum kümmern, das ist doch bei vielen zivis so.
sie nehmen einfach das nächst bessere, obwohl es andere möglichkeiten
gäbe. auch auf der beratungsstelle versuchen wir die leute darauf
hinzuweisen, dass sie sich wirklich kritisch darum kümmern, wo sie
eingesetzt werden, und nicht einfach einen einsatzort wählen, wo
sie im prinzip arbeitnehmer verdrängen. das passiert zum beispiel
bei den jugendherbergen. jugendherbergen sind im moment als organisation
der grösste einsatzbetrieb für zivis in der schweiz. das habe
ich auch gehört von teilzeitarbeitskräften, die nicht mehr aufgeboten
wurden. ihre erwerbsplätze wurden aufgehoben, da zivis an ihre stelle
geraten sind. und das finde ich keine gute situation! aber zivis gehen
trotzdem sehr gerne dorthin. - es ist tatsächlich so, dass zivis
praktisch frei wählen können, wohin sie gehen. dänu -
es gibt also ein überangebot an stellen für zivis?! ruedi w - kurzfristig
kannst du nicht überall hin, aber wenn du genügend zeit hast,
kannst du ziemlich auswählen. es gibt rund 800 einsatzbetriebe, die
ein mehrfaches an einsatzstellen anbieten. das ist nicht das problem,
aber sie konzentrieren sich. dänu -
das hängt schon mit dem engagement zusammen. - das war ja letztes
mal unsere diskussion, dass der staat einen dienst von einem fordert,
weil einer sich sozial betätigen soll. und ich meinte, dies sei nichts
sinnvoll erzieherisches, wenn es einem selber kein engagement wert ist.
da ist's vielleicht auch so... ruedi w - das
glaube ich nicht! schau, wenn einer das anderthalbfache machen muss statt
sonst zum psychiater zu gehen, dann ist das ein freiwilliges engagement. dänu -
der psychiater ist nicht für alle leute einfach so tel quel etwas,
zu dem sie leichtfertig hingehen wollen. der zivildienst erscheint natürlich
sinnvoller. aber das heisst nicht, sie würden zivildienst machen,
wenn sie sich nicht mit dem problem auseinandersetzen müssten.... ruedi t - das
stimmt! dänu -
ich würde nur an einen friedensdienst glauben, der - wie du sagst,
stefan - ohne zwang und ohne koppelung an die wehrpflicht aus einem freiwilligen
engagement entstünde, das kann man natürlich fördern. -
er müsste dann auch nicht beschränkt werden auf junge schweizer
männer! das hätte viel mehr kraft. ruedi t - das
ist klar. aber es ist schon so, ganz so einfach bekommst du den zivildienst
nicht. (gelächter) gl - irgendein
engagement wird ja schon im vorleben, im ruedi t - ja,
ohne einen strich dafür zu tun, bekommst du ihn nicht. und insofern
geht's über den blauen weg nach wie vor einfacher. und wenn du den
weg des geringsten widerstandes suchst... dänu -
es ist eine wahl zwischen drei übeln, was alles in allem eine verpflichtung
ist. es gibt männer, für die es besser ist, in den zivildienst
zu gehen als zum psychiater. auch weil sie etwas sinnvolles machen wollen
und weil sie finden, sie seien keine kranken leute, oder weil sie eine
haltung haben. alles in allem ist es trotzdem eine verpflichtung und trotzdem
... es besteht ein bisschen eine auswahlmöglichkeit, das ist wahr.
aber die wehrpflicht bleibt dadurch unangetastet. ruedi w - ich
meine das mehr auf die personen bezogen, sie erleben den zivildienst weniger
als zwang, also weit weniger als zwang als den militädienst. das
ist bei vielen eine motivation dahinter. dänu -
das weiss ich schon. - ich betrachte das von den voraussetzungen her:
da ist eine armee, jeder schweizer ist wehrpflichtig. ruedi w - ich
bin mit dir einverstanden, der zustand ist nicht gut. stefan - aus
der praktischen erfahrung als berater würde ich auch sagen, dass
die meisten leute, die kommen und zivildienst machen wollen, sehr motiviert
sind und den zivildienst sinnvoll finden. dänu -
das kann ich bestätigen, sonst macht das niemand! sonst gehst du
wirklich zum psychiater. stefan - noch
etwas zu dem, was ihr vorher gesagt habt, zu den einsatzbetrieben des
zivildienstes. im prinzip spielt's für die leute, die von einem einsatz
profitieren, nicht eine grosse rolle, ob jetzt der einsatz geleistet wird
im bff oder in einer ngo. tatsache ist einfach, dass viele private organisationen
einfach bessere und in unseren augen sinnvollere arbeit leisten und zudem
auch auf leute angewiesen sind. in diesem punkt ist es für mich schon
recht befremdend, was du, ruedi, jetzt gesagt hast betreffend den jugendherbergen,
und wo ich dir, gigi, nicht rechtgeben möchte betreffend friedensdienst.
das ist nicht das, was ich als sinnvoll betrachte, auch da es arbeitsplätze
konkurrenziert. gl - eben,
in die jugis gehn die zivis, weil's dort noch lustig ist, und du hast
noch einen tollen sommer - du machst es dir wirklich einfach. - wenn du
bewusst einen betrieb auswählst, schaust du auf "was nutzt mir",
das ist dann für die person in ordnung, aber nicht von der idee her,
dass es in richtung friedensdienst gehen sollte. oder sonst wählst
du wirklich die bereiche, die dem friedensdienst entsprechen. dänu - mir
erscheint die frage als grundsätzlich, warum jemand militärdienst
verweigert. der zugang zum zivildienst ist, wenn einer verweigert und
sagt, es gehe ums töten, oder er müsse gewalt anwenden. das
ist das grundprinzip des zivildienstes - es gibt aber auch noch einen
haufen anderer gründe. ich erlebe kaum einen, der nicht wichtige
gründe verschweigen müsste oder in etwas anderes transplantieren,
von dem er noch eine spur sagen darf. ruedi w - es
ist schon klar, dass viele, die bei uns auf der beratungsstelle vorbeikommen,
auch da eine menge anderer gründe haben. und dass sie es bei der
anhörung sicher einfacher haben, wenn sie nicht allzufest auf andere
gründe eingehen. dänu -
bei der militärdienstverweigerung geht es längst nicht nur ums
töten. das ist die letzte konsequenz, wenn man von dir erwarten kann,
dass du arbeiten musst, dass du auf befehl alles machst, sowieso auf so
einer moral drauf bist "ich arbeite halt irgendwas", das ist
wirklich zum kotzen! da gibt es eine menge anderer gründe, die auch
mindestens so stark sein können, und womit man eben nicht legal verweigern
kann. das ist auch ein sprachliches problem, was denn eine legale verweigerung
wäre, aber die dissidenz kann man nicht machen, ohne in den knast
zu kommen... das ist für mich der missstand. mich stört sowohl
die armee wie auch die wehrpflicht. ruedi w - weisst
du, bei einem rechten teil der männer, die bei mir auf der beratungsstelle
vorbeikommen, steht einfach die karriere im vordergrund, deshalb wollen
sie vom militär wegkommen. stückweit habe ich mühe mit
dem ganzen zeug, und zum teil finde ich es nicht so schlecht, wenn sie
sich auch noch mit was anderem befassen müssen. dass es auch ein
leben neben der karriere gibt, eine soziale welt. auch noch andere prinzipien
existieren, und nicht alles darauf abzielt, möglicht viel stutz zu
verdienen, möglichst hoch herauskommen. dänu -
und die wollen dann nicht zum psychiater? - ah nein, weil's ja der karriere
schadet? ruedi w -
in letzter zeit klopften bei mir vermehrt leute an, weil sie vom betrieb
her geschickt wurden. das finde ich völlig daneben! dänu -
dass der militärdienst der karriere schadet, versteh ich nicht. -
wegen dem zeitaufwand? aber der ist noch viel grösser beim zivildienst.
das ist doch paradox. ruedi t - nicht
solange es das wk-system gibt, das ist störend für den betrieb. dänu -
aber du sprichst von leuten, die aus karrieregründen in den zivildienst
wollen. stefan -
nein, die wollen ganz weg. ruedi w - es
gibt auch solche, die aus karrieregründen zum zivildienst gehen.
es ist einfach schneller durch. dänu - dann
reden wir über was nützt mehr, was schadet mehr. - aber im prinzip
ist es auch so. du hast irgendein übel, das du nicht machen willst,
doch musst... ruedi w - die
wehrpflicht fördert zum teil auch die auseinandersetzung mit solchen
sachen neben der karriere. dänu -
es muss doch nicht zuerst ein missstand da sein, damit man zu denken lernt.
das ist natürlich ein motor dazu, aber es gibt auch anderes. ich
würde nicht sagen, wir stumpfen gerade ab, wenn die wehrpflicht fällt.
(gelächter) stefan - ich
sehe eure beiden positionen, und manchmal dänu -
mich stört's nicht, nicht in der beratung. stefan - mich
stört andererseits auch, wenn ich merke, es gibt leute, die etwas
machen möchten und einfach aus ihren gründen nicht prädestiniert
sind, zum zivildienst zugelassen zu werden. - mich stört einfach
die ungenutztheit von menschlichem antrieb, dass man die männer einfach
im militär vor sich hin serbeln lässt, total unmotiviert, und
sich und andere noch nerven. sie werden einfach nicht zum zivildienst
zugelassen, weil sie die formellen bedingungen wie gewissenskonflikt nicht
erfüllen. und viele von denen würden sehr wohl irgend etwas
anderes im sinn einer freiwilligen ausbildung zur konfliktbearbeitung
machen. gl - die männer
machen also nichts, weil sie finden, " ich geh schon ins militär,
und dann wend' ich nicht noch zeit auf für ein engagement bei einer
der vielen organisationen, die sowas anbieten"?? stefan -
ja, das auch. ich dachte jetzt vor allem an jene, die den formalen
gewissenskonflikt nicht erfüllen oder nicht transportieren können
- das ist ja meistens noch das andere problem, dass sie nicht fähig
sind, das zu vermitteln. dänu -
ich habe das tema wie nicht auf der beratungsstelle. mich stört das
nicht, wenn einer findet, er wolle zum psychiater, weil's seiner karriere
nicht schadet wie das militär. ich bin für das da als anlaufstelle
für jemanden, der aus irgendeinem grund nicht ins militär will.
klar, mit dem könnt ich privat auch nicht viel anfangen. die karrierementalität
ist mir fremd. aber ich bedaure nicht, dass jemand dem zivildienst verlorengeht. ruedi w - mir
geht's um die auseinandersetzungen, die sie führen müssen. dänu -
das muss mir aber auch einer anbieten! ich habe viele gespräche,
wahnsinnig interessante, aber es kommt drauf an, was einer anbietet. das
minimum ist, wenn einer einfach kommt: "hast du mir eine adresse
von einem psychiater." dann muss ich ihm erzählen, "weisst
du eigentlich, was alles dazu gehört? es gibt keinen, der dir einfach
was schreibt und sich lange im geschäft hält. weisst du, mit
was für temen das zu tun hat?" ich wecke dort auch ein bewusstsein,
vielleicht hat er schon eins, vielleicht nicht. der muss sich auch selber
damit auseinandersetzen! ruedi w - es
gibt einzelne psychiater, die das machen würden für so 2'000fr.
auch ohne auseinandersetzung. dänu -
aber so einen bekommt er nicht von mir. ruedi w - von
uns auch nicht, aber die sprechen sich rum. (pause) gigi - ja,
ganz eindeutig. es gibt immer noch eine alte generation, die das alles
erlebt hat, und es gibt immer wieder vereinzelte jugendliche, die aus
der armee quasi ihre identität schneidern. aber den riesenplatz,
den der militarismus noch in den 80er jahren eingenommen hat, der hat
sich quasi in luft aufgelöst in meiner wahrnehmung. dänu -
in meiner nicht... gigi - ich
meine, spätestens mit dem fall der mauer sind wirklich welten in
bewegung gekommen. nicht im denken des einzelnen, aber wie sich das gesamtgesellschaftlich
auswirkt. wie präsent das tema ist in der öffentlichkeit, in
den medien. das ist ein quantensprung, den wir gemacht haben. gl - wenigstens
darfst du öffentlich sagen: "ich habe das militär verweigert"
oder: "ich bin psychiatrisch weg", und jeder weiss, deshalb
ist er nicht irre... mindestens in nicht sehr konservativen orten. dänu -
es hat sich vielleicht verlagert. ogi sagt auch, wenn man noch was gegen
nato-einsätze habe oder der uno... ich weiss also nicht. es hat mir
gar nicht gefallen, was in jugoslawien geschehen ist, mit dem nato-zeug
und den verdammten zeitungen, radio, fernsehen mit ganz wenigen ausnahmen.
die haben da von menschenrechten gesprochen, die man mit armee, mit bomben
und mit x-milliarden verbreiten will. - wenn die nächste mauer kommt,
ist es sofort wieder so!... gigi - ich
habe nicht behauptet, der mensch habe sich grundlegend geändert.
unsere lebensbedingungen, unsere politischen rahmenbedingungen in europa
haben sich seit den 80ern ganz grundlegend weiterentwickelt. und der ganze
konflikt rund um jugoslawien ist ein rückfall. dänu -
der alte glaube ist geblieben, dass man mit gewalt und mit ihrer androhung
was lösen kann. gigi - aber
das ist nicht das problem der schweizer armee dänu -
ich bin das glaub' ich tatsächlich noch. (lacht) langsam kann ich
mich mit dem wort identifizieren. ich habe eine gegenteilige entwicklung. gigi - in dieser
jugoslawien-diskussion war ich immer dafür, dass man den anderen
respektiert. - ich habe auch für mich verlangt, als militärverweigerer
akzeptiert zu werden. habe immer auch jedem, der sich mit seinem wissen
dafür entschieden hat, militärdienst zu machen, gesagt, das
ist für mich ok. letztenendes ist es schlicht eine normale demokratische
frage, und in der volksabstimmung wird beschlossen, gibt's die armee oder
gibt es sie nicht! und solange es sie gibt und eine mehrheit im grunde
genommen dahintersteht, ist es mein ziel, aus dieser wehrpflicht eben
eine dienstpflicht zu machen, wo man beispielsweise frei wählen kann
zwischen militär und bevölkerungsschutz und einem zivildienst,
der in unserem sinn aufgebaut ist. stefan - du
hast angetönt, dass sich das bewusstsein geändert hat, und du
dänu hast gesagt, du seist dir nicht so sicher. dänu -
nein, nicht nur nicht sicher, das bestreite ich! stefan - ich
habe eben auch diesen eindruck, und das hat mir auch sorgen gemacht im
lauf des kosovokriegs. dass die linke zum teil auch auf den interventionismus-zug
aufspringt, und dass die diskussion um eine zivile konfliktlösung
als alternative zur gewalt genau gleich marginalisiert bleibt wie zuvor,
nun einfach auf einem anderen terrain. jetzt reden wir nicht mehr auf
einem nationalen terrain von gewalt, sondern von internationaler gewalt.
und dort laufen auch die bestrebungen der schweizer armee hin, auf die
internationale ebene. das ist sehr geschickt, denn die diskussion wird
immer warm gehalten... der vbs- standpunkt, dass gewalt einfach mit gewalt
bekämpft werden muss. ruedi w - ich
befürchte einfach, dass wir in ein lager hineinkommen - jetzt mit
dieser diskussion - mit der ganz rechten, der blocher-svp, die ähnliche
forderungen stellen: "wir dürfen das internationale zeug nicht
mitmachen". - klar, mit einem anderen hintergrund, es läuft
aber schlussendlich auf dasselbe raus. dänu -
die diskussion vermisse ich aber! - ich komme nicht draus. ich könnte
jetzt ins fahrwasser der svp geraten? ruedi w -
nicht ins fahrwasser. aber da ist die gefahr, für einen teil
von aussenstehenden nicht mehr unterscheidbar zu sein. - das haben wir
gemerkt beim kosovokrieg ... ruedi t - ich
möchte auf die frage nach der veränderung zurückkommen.
ich würde aber auch sagen, dass noch lange nicht alles gut ist. wenn
man jedoch die überschrift anschaut des neusten berichts zur sicherheitspolitik,
"sicherheit durch kooperation", wenn das anfangs 70er jahre
vom bundesrat gekommen wäre, hätten wir doch gejubelt. da hat
sich wirklich etwas verändert. und in dem sinn müssen wir aufpassen,
dass wir nicht falsche perspektivenverschiebungen machen. dänu -
bei mir ist das nicht so gegangen. ich war nicht so politisch interessiert. ruedi t - aber
so liefen doch die kampagnen. da das blocksystem zusammengefallen ist
und nicht mehr in jedem fall automatisch interveniert wird, stellen wir
fest, dass keine intervention für die betroffenen unter umständen
auch wahnsinnig verheerend ist. wenn man die indonesische armee einfach
machen lässt in osttimor, das ist für die bevölkerung verheerend.
in dem sinn reicht die forderung nach keiner intervention friedenspolitisch
nicht. stefan - da
geb' ich dir durchaus recht. nur heisst es "sicherheit durch kooperation",
und da ist natürlich kooperation gemeint mit militärverbänden,
die wirtschaftlich und interessenpolitisch von der westlichen hemisfäre
geleitet werden. ruedi t - was
denn kooperation heisst, da müssen wir mit ihnen streiten. - aber
es gibt uns schon einen anderen boden, um unsere forderungen politisch
einzubringen, als das vor 20 jahren war. gigi - da ist
unsere sicherheit gemeint, egoistisch - davon sind wir nicht los. um dir
etwas entgegen zu halten, es ist schon verquickt mit dem alten zwischenverhalten.
von dem sich komplett einigeln und wirklich nur noch für seinen vorteil
schauen, oder ob wir bei dem scheiss, der vielfach bei den interventionen
läuft, auch noch mitmachen. - andererseits, stichwort svp, mir ist
grundsätzlich und grad aufgrund historischer erfahrung alles recht,
was auftut und die sicherheit weiter definiert. ja, auch in kauf nimmt,
dass sich die schweiz dreckige hände macht, weil wir die sowieso
haben. dänu -
da habe ich ein abgrundtiefes misstrauen, und der politik traue ich
eh nicht. das ist in 10, 20 jahren wieder anders... dass quasi europa
zusammenhält und überall intervenieren geht oder... stefan - ich
betrachte das jetzt auch unter dem aspekt der dänu -
zur gewalt gehört ja auch kontrolle und überwachung. gl - das gehört
auch zum militär. das ist eigentlich die voraussetzung: es gibt eine
armee, und die macht interventionen. das militär ist nur da, um "den
frieden zu bewahren" in der schweiz und sonst auch. dänu -
das ist ja schon krank! gl - genau!
aber das ist die ausgangslage! wenn's mal bei den friedensverhandlungen
nicht klappt, dann lösen die militärs den konflikt. danach ist
wieder "frieden", wenn die anderen unterlegen und tot sind!
- und das ganze zivile, der zivile dienst, der ein friedensdienst vielleicht
zu 10% ist, der ist wieder vom militärdienst abhängig! dänu -
da sind doch irgendwelche kontingente. du müsstest mal schauen, was
passiert, wenn sich plötzlich 5'000 leute für den zivildienst
bewerben. das wollen die gar nicht nehmen. die haben einen plan von vielleicht
1'500 oder 2'000 maximum und fertig! dann fällt die quote weiter,
das ist dann das regulativ. ruedi w - ich denk' nicht, dass das eine rolle spielt. die
fortsetzung dieser spannenden diskussions- |
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