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schandfleck.ch_archiv/2003/märz
daniel costantino
das menschenrecht auf krieg

da gehören wir nun plötzlich wieder nicht nur zu europa, sondern gleich zum ganzen westen, eine zusammengehörigkeit wie schon einmal, nach dem 11. september - zum westen, dem freien und globalisierten, dessen waffenarsenale mindestens hundertmal grösser sind als jene des iraks und nordkoreas zusammengenommen, strotzen und bersten von waffen und munition, brillieren mit technik und präzision, reichweite und treffsicherheit, seien es chemische, biologische, atomare oder welcher art auch immer.

da sind wir nun wieder einmal stolz auf unsere demokratischen traditionen, die unsere kultur prägen wie der totenschädel die giftflasche, palavern und schnorren von wertegemeinschaft und politischer kultur, von toleranz und marktwirtschaft und davon, dass terror und kriege in der armut ihre wurzeln fänden und gewiss nicht in der freiheit, kontroverse meinungen zu vertreten und sie uns via bildschirm, funk und zeitungen zu gemüte zu führen wie schlachtenbummler die ereignisse eines fussballmatchs. selbst wenn wir uns unparteiisch wähnen, interessieren uns doch sehr technik, taktik und tempo des spiels. wir zählen die bombardements, die eroberungen, die gefangenen und die toten beider seiten mit als zählten wir penalties und fouls, das torergebnis und den uneinholbaren vorsprung des favoriten. gerade unsere unvoreingenommenheit ermöglicht es uns, das spiel objektiv zu würdigen und immer die siegreiche mannschaft zu unterstützen. man will doch auch einmal gewinnen im leben und sich in der glorie eines sieges sonnen, schliesslich und endlich.

nicht unkritische zaungäste sind wir, beileibe nicht, schon unser hochentwickeltes bildungswesen, ein weiterer pluspunkt unserer überlegenen zivilisation, hat uns zu kritischen und mündigen bürgern erzogen: man darf, man muss geradezu die frage stellen, sie brennt uns auf unseren doppelten zungen, ob es erlaubt sei, hunderttausende zu vernichten und millionen in flucht und elend zu schlagen, wenn die schuld des gegners nicht bewiesen ist, wenn einem schurkischen diktator, der gewiss an den nächsten baum geknüpft gehört, wie allerorten zu vernehmen ist, der besitz von ein paar massenvernichtungswaffen nicht nachgewiesen werden kann. hat er sie oder hat er sie nicht, das ist die friedenstäubchenfrage. unlauterer wettbewerb auf dem kriegsschauplatz wird nicht geduldet. gar zu dumm, wären es am ende ungerechte atombomben gewesen und nicht solche des friedens, welche die existenz menschlichen lebens ausgelöscht hätten.

nein, da hat die amerikanische regierung natürlich schon recht, obwohl es im moment für die irakische bevölkerung etwas bitter ist: wo keine demokratie, da keine menschenrechte, und wo die nicht, da kommen solche völker eben nie von selber aus dem schlamassel raus. gut, ein bisschen hätte man den schiedsrichter blix schon noch weitermachen lassen dürfen, es wurden nicht alle friedenserzwingungsmassnahmen bis ins letzte ausgelotet, da wird man sich noch zu verbessern haben. deswegen aber nun den yankee anzufeinden, wäre unfair, schliesslich hat er uns europäer in selbstloser weise von hitler befreit und dem 2. weltkrieg durch zwei atombombenabwürfe ein ende gesetzt. wenn das mal kein potentes friedens- und menschenrechtssignal gewesen ist!

gewalt! schreien unsere medien ausgewogen, fussballreportern nicht unähnlich in ihrer funktion, gewalt! wenn infolge demonstrierens ein paar scheiben zubruch gehen. ausschreitungen! unbewilligt! schwarzer block, das sind kriminelle jugendliche! das ist gewalt!

gott ist allmächtig, unsere regierung hat sich anlässlich ihrer vereidigung auf ihn eingeschworen, und die beiden hauptakteure des matchs usa-irak sehen sich als dessen stellvertreter hienieden, als heilsbringer ihres volks, als heilande der ganzen welt. dieser ist zwar ein korrupter tyrann, jener aber ein gestandener demokrat, der von der schätzens- und schützenswerten errungenschaft gebrauch macht, seine religion frei auszuüben. zynischer satz eines unbelehrbaren und als schweizer staatsbürger eh privilegierten ateisten? sarkastisch angesichts des elends für die zivilbevölkerung (die toten gegnerischen soldaten hat noch nie einer betrauert), die ein krieg halt immer mit sich bringt, leider leider?

wo bleibt denn der laute protest unserer kirchenoberen, die sonst prompt den untergang unserer kultur befürchten, wenn irgendwo freie liebe praktiziert wird, wenn ein paar demonstranten oder ein heiratswilliges liebespaar für ihr recht auf gleichgeschlechtliche liebe kämpfen? im christentum ist nicht der krieg, nicht der mord und schon gar nicht der massenmord das kapitale verbrechen, sondern der sex. oder wo im lande wehren sich wenigstens ein paar pfarrherrliche sonntagsprediger welcher christlichen couleur auch immer dagegen, dass ihr gott, dass unser gott für eine schweinerei wie der krieg vereinnahmt wird, dass es überhaupt statthaft sei, dies auch nur zu erwägen? weshalb plötzlich stille um die wundertätige und -milde gestalt jesu, der doch zur feindesliebe kategorisch ermahnt haben soll? zwei milliarden christen mag es geben oder auch drei auf dem planeten, auch hierzulande, in der kleinen, strikt neutralen und unschuldigen schweiz, zählen sie millionen. ach, sie bekennen beknirscht, die pfaffen und klerikalen, es handle sich hier möglicherweise um einen krieg der ungerechten art. oh, sie wissen, dass der ruf nach harten massnahmen manchmal ihre eigene unzulänglichkeit überdeckt. hallelujah, sie bekehren sich frisch gestärkt zur kraft des gebetes! ja, unsere seelsorger, unsere experten der menschlichkeit! wenn wir die nicht hätten.....

terrorismus entstehe in der armut, wie letztlich auch der krieg, hören wir und glauben wir nur allzu sehr. beides kann also nicht von uns aus kommen. wegbomben also die armut, so erreichen wir bestimmt den frieden, vernichten dieses grundübel der menschheit, das trotz der kirche der armen und trotz unserer beflissenen entwicklungshilfe und wg. gottes unbegreifbarem, aber gerechtem ratschluss noch immer besteht, geradezu grassiert paradoxerweise, unbesehen aller ausbreitung des christentums, allen fortschritts der menschheit, leider, christliche hilfe leisten beim wiederaufbau, schon jetzt organisieren das ganze, weiterdenken, nicht stehenbleiben, diese menschen brauchen uns, unsere demokratie, unsere menschenrechte, unsern zaster, helfen, helfen, wo man kann!
die armen dieser welt, die unterdrückten, die hungerleidenden und die undemokraten geniessen das von uns applizierte passive menschenrecht auf krieg - ihn zu erhalten nämlich, zu erdulden und zu erleiden, dieses ihr kreuz auf sich zu nehmen, auf dass ihnen geholfen werde, mit armeen, mit bomben wie ebenjetzt, mit krediten, mit firmenimperien, mit handelsverträgen, jenachdem. zu unserem aktiven menschenrecht auf krieg, lustigerweise bürgerpflicht unserer männer und soldaten geheissen, gehört es, gott auf unserer seite zu haben und den gewinn unseres friedenswerks, den lohn für die befreiung, quasi den erlös aus der erlösung in der tasche unserer mächtigen. und unsere politiker dürfen wir sogar selbst auswählen, die uns auch, so viel vertrauen darf sein, ungeniert vorrechnen dürfen, was er kostet, der krieg, wieviel schon in zeiten des friedens die produktion der waffen, die ausbildung der truppe, die observation des feindes, jede fernlenkwaffe, jede granate, jeder panzer, haargenau pro stück und jahr. wir - wir arbeiten und zahlen, darin liegt unsere würde und unser menschenrecht auf krieg. und wenn er kommt, der krieg, dann ziehen auch wir ins feld für unser christliches vaterland, für unser freies grab in freier erde. und für diese nun wirklich gerechte sache ist selbst dieser alltägliche, staatlich angeordnete bevölkerungsschutz- und verteidigungs- und polizeiterrorismus kein zu hoher preis und wäre es nicht der untergang der ganzen welt.

à propos welt: da kommt ein kleines kind zur welt. es atmet, es lächelt, es strampelt und es schreit, wenn es hunger, quietscht und gluckst, wenn es freude hat, so zutraulich, lernbegierig und gutgläubig. man wäre fast versucht, noch an den menschen zu glauben, an die liebe und die lebensfreude. so kann es aber natürlich nicht weitergehen, man wird ihm helfen müssen, ein verantwortungsbewusster, reifer mensch zu werden, ihm beizubringen haben, seine herren zu loben und seine feinde zu verachten und zu bekämpfen. wer seine feinde sind, wird es ganz natürlicherweise lernen, das ist so beim menschen, das steckt in ihm drin - gene, instinkte. es wird merken, eines tages, am anfang seiner lebensblüte, dass es ungezählte sind, die fülle, jederzeit bereit, aus allen winkeln hervorzubrechen und zuzuschlagen. dank einer guten, geduldigen erziehung, die auch seine trotzfase und seine jugendliche rebellion nicht verurteilt, jeder hat noch seine hörner abstossen müssen, das geht vorbei, wird man ihm den kopf schon auf den jeweils aktuellen stand der bedrohung und der geschichte zu verdrehen wissen. zur not wird man ihm einbläuen, welches seine menschenrechte sind, je früher, desto besser, und tuts nicht elterliche oder schulmeisterliche gewalt, tuns später knüppel und tränengas der polizei.

wer glaubhaft für die menschenrechte eintreten will, muss wissen, dass kein krieg moralisch gut beleumdet sein kann und keine gesellschaft, die ihn führt oder vorkehrungen dazu trifft. keine armee kann gerecht sein, keine waffe schutz versprechen, sie vereinnahmt ihren besitzer zum negativen, fördert seine angst und lässt ihn geistig verkümmern und verkommen. die korruption des geistes ist eine folge des militarismus, auch des christentums, ebenso wie die amoralität der gesinnung. der krieg der usa gegen den irak fördert die unmenschlichkeit auch bei uns. wer für die menschenrechte und für die menschenliebe glaubhaft streiten will und zugleich in irgendeiner form, irgendeinem falle das vorhandensein einer armee unterstützt, macht sich zum komplizen der kriminalgeschichte, die beschönigend weltgeschichte heisst und hierzulande auch schweizergeschichte und tritt das elementarste menschenrecht - das recht zu leben - mit füssen.

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