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schandfleck.ch_archiv/2005/märz
daniel costantino
 

johannes paul II: „erinnerung und identität“


über das neue buch des papstes und die frage, wes geistes wind hier weht (buchverlag weltbild, sfr. 24.90)

vorbemerkung: „es ist nichts sicherer als unser glaube. es gibt nichts bestimmteres, heiligeres, nichts, das sich auf festere grundlagen stützen könnte.“ (‚der glaube der kirche in den urkunden der lehrverkündigung’, 1979)

gespräche an der schwelle zwischen den jahrtausenden sollen es sein, papst wojtila im kritischen dialog mit filosofen über das böse, freiheit und verantwortung, patriotismus und vaterland, über das europäische vaterland, demokratie und, selbstredend, das katolische christentum. die filosofen fungieren im buch als stichwortgeber, und der papale dialog gerät zu einem langen monolog. und der fängt so an, aufs erste stichwort nach dem ‚sinn des grossen ausbruchs des bösen’, gemeint sind die beiden diktaturen des nationalsozialismus’ und des kommunismus’:

„das 20. jahrhundert war sozusagen die ‚bühne’, auf der sich bestimmte historische und ideologische prozesse abgespielt haben, die sich in der richtung des grossen ‚ausbruchs’ des bösen bewegten, aber es war ebenfalls die szenerie ihrer überwindung.“

vieles von dem, was in diesem buch steckt, klingt schon an: eine sperrige, hochtrabende und zugleich etwas ungeschickte sprache, die verschleierung des grossen vatikanischen engagements an den weltkriegen, an der machtergreifung sämtlicher faschistischen diktaturen europas des 20. jahrhunderts durch passivwendungen und vorgaukelung einer zuschauerperspektive, in der sich der vatikan und sein trupp befände und immer befunden habe, und der missionarische fanatismus, der sich die überwindung des bösen kraft getreuer und eigenhändig autorisierter nachbetung des evangeliums auf die eigenen fahnen schreibt. geschichtsklitterung von der hohen, der höchsten kanzel herab wird dem leser auf den folgenden seiten vorgesetzt, ein kümmerliches, unbeholfen-verschlagenes opus, die stilisierung der alleinseligmachenden katolischen kirche von einer täterin zum opfer und dank göttlicher hilfe zur siegerin und retterin. der zynismus des absoluten herrschers. und auch eine art kindischer seelenaritmetik, grade anschliessend, aber ähnlich immer wieder auftauchend:

„das böse ist immer das fehlen von etwas gutem, das in einem bestimmten wesen eigentlich vorhanden sein müsste...es ist ein verlust, ein mangel. niemals jedoch ist es ein totales nichtvorhandensein des guten. die art, wie das böse auf dem gesunden boden des guten wächst und sich entwickelt, stellt ein geheimnis dar.“

die lektüre wird halten, was sie hier, zu beginn, schon zu werden
verspricht: geheimnistuerische vernebelung der dinge, spökenkiekerei der extraklasse, ein spott jeder natürlichen filosofie, der redlichkeit, der vernunft, mitleidlos und ideologisch, überfrachtet, ich lass es weg, mit vielen passenden und unpassenden zitaten aus der bibel, aus der man immer herauspicken kann, was sich zur wortverdreherei gerade anbietet oder so abgehoben tönt, dass man es eh nicht begreifen, als ergebenes lamm desto besser nur abnicken kann. eine karikatur hochtrabenden geschnorrs, eine stilblütensammlung patologischen grades, dermassen gewunden und gedrechselt, dass sich, ich bin überzeugt, die leserschaft in genau zwei gruppen teilen
wird: entzückte verrückte und angewiderte.

zur frage, gleich auf der dritten seite der papalen ausführungen, wie die ideologien des bösen entstanden seien: die frage sei von tiefer filosofischer und teologischer bedeutung. man müsse der ‚filosofie des bösen’ in seiner europäischen und nicht nur europäischen dimension auf den grund gehen. eine solche ‚rekonstruktion’ (diese häufung der anführungszeichen!) führe uns über die ideologien selbst hinaus. „sie bringt uns dazu, in die welt des glaubens vorzudringen. es ist nötig, dass wir uns mit dem geheimnis gottes und der schöpfung und im besonderen mit dem geheimnis des menschen auseinandersetzen. es sind die geheimnisse, die ich in den ersten jahren meines amtes als nachfolger petri in den enzykliken redemptor hominis, dives in misericordia und dominum et vivificantem auszudrücken suchte. dieses tryptichon spiegelt in wirklichkeit das trinitarische geheimnis gottes wider.....“

mann gottes, brings auf den punkt! ist man unweigerlich zu rufen versucht. aber seine heiligkeit denkt sich wohl, besser zermürben als gar nicht überzeugen, und fährt fort mit dem appell an seine enzyklika, lässt seine ‚erfahrungen in polen’ durchblicken, speziell ‚in krakau’, allwo sich nämlich das grab der hl faustina kowalska befinde, der christus die gnade verliehen habe, die wahrheit von der „göttlichen barmherzigkeit in besonders erleuchteter weise zum ausdruck zu bringen“, diese wahrheit „erweckte in schwester faustina ein ausserordentlich reiches mystisches leben. sie war ein einfacher, ungebildeter mensch.....“ um dann endlich, endlich über die „offenbarungen der schwester faustina, die das geheimnis der göttlichen barmherzigkeit betreffen“, auf die „zeitspanne vor dem 2. weltkrieg“ sich zu beziehen. das sei genau die zeit, in der die ideologien des bösen, der nationalsozialismus und der kommunismus, aufkamen und sich entwickelten. „schwester faustina wurde zur verkünderin der wahrheit vom barmherzigen christus und rief ins bewusstsein, dass einzig und allein diese wahrheit, dass gott barmherzig ist, das übel jener ideologien aufzuwiegen vermag.“

schauen wir uns etwas näher an, wie das papsttum, der vatikan, wie der katolizismus zum beispiel mit dem nationalsozialismus, der ‚ideologie des bösen’, seinerzeit umgegangen ist, eingedenk karols worte, dass die art des bösen, wie es auf dem gesunden boden des guten wachse und sich entwickle, ein geheimnis darstelle. als quelle dienen mir diverse werke karlheinz deschners, zum beispiel ‚memento’. papst pius XI plädierte schon 1931 für ein zusammengehen des zentrums und der kat. bayerischen volkspartei mit den nationalsozialisten. 1933 bekannte der päpstliche kamerherr von papen, dass ‚ich damals bei der übernahme der kanzlerschaft dafür geworben habe, der jungen kämpfenden freiheitsbewegung den weg zur macht zu ebnen’, dass ‚die vorsehung mich dazu bestimmt hatte, ein wesentliches zur geburt der regierung der nationalen erhebung beizutragen’, dass ‚das wunderbare aufbauwerk des kanzlers und seiner grossen bewegung unter keinen umständen gefährdet werden’ dürfe und dass ‚die strukturelemente des nationalsozialismus der katolischen lebensauffasung nicht wesensfremd’ seien, ‚ sondern sie entsprechen ihr in fast allen beziehungen.’ wundert es da noch, dass hitlers erster völkerrechtlicher vertrag mit dem vatikan und dem papst, dem ‚besten freund des neuen reiches’, geschlossen wurde? hitler bezeichnete die unterstützung des papstes und des gesamten deutschen episkopats als ‚ rückhaltlose anerkennung’ und ‚unbeschreiblichen erfolg.’ nun tönte es allerorten vom hohen klerus ‚grosser führer unseres volkes’, wurden die katoliken in deutschland als ‚zuverlässige stützen der staatlichen und kirchlichen autorität’ angedient (kardinal bertram) und versichert, man sei ‚freiwillig und aus edelsten motiven bereit zur mitarbeit’, ‚auch gern zu geländesport und wehrertüchtigung’. nach weihbischof burger waren die ziele der reichsregierung ‚schon längst die ziele unserer katolischen kirche’, und bischof bornewasser versprach ‚dem nazistaat zu dienen mit dem einsatz aller kräfte unseres leibes und unserer seele’, bischof vogt wollte ‚am aufbau des neuen reiches freudig mitarbeiten ’, bischof von galen sah ‚die höchsten führer unseres vaterlandes erleuchtet und gestärkt’ durch die ‚liebevolle führung gottes selbst’. undsoweiter. in italien mit mussolini dasselbe, sechs geistliche traten in sein erstes kabinett ein, ‚mussolini ist ein wundervoller mann’ (kardinal ratti ein jahr vor seiner wahl zum papst). einsichtig, wenn man bedenkt, dass dem kirchenstaat das kapital einer weltbank dafür geschenkt wurde, die damals ungeheure summe von einer milliarde lire in staatspapieren und 750 millionen in bar, verzinsung jährlich zu fünf prozent. nicht anders warf sich die cattolica franco an die brust und unterstützte aktiv seine sache. mitten im spanischen bürgerkrieg schrieb ihm der papst erfreut und dankbar, ‚dass wir den angestammten geist des katolischen spanien pulsieren fühlen’. allein in madrid fanden täglich über 200 hinrichtungen statt, 1939-42, als franco auf wunsch des papstes begann, ‚die alten christlichen traditionen wiederaufzunehmen’, wurden mehr als 200000 menschen erschossen.

und nun faselt der papst in seinem buch über die ‚ideologien des bösen’, hat sich in ihm „die überzeugung herausgebildet, dass die ideologien des bösen tief in der geschichte des europäischen filosofischen denkens verwurzelt sind.“ vor allem in der aufklärung, laut papst. es folgt eine abartige verballhornung von descartes’ satz cogito ergo sum, und als
kulminationspunkt: „wenn der mensch allein, ohne gott, entscheiden kann, was gut und was böse ist, dann kann er auch verfügen, dass eine gruppe von menschen zu vernichten ist. derartige entscheidungen wurden z.b. im dritten reich gefällt von menschen, die, nachdem sie auf demokratischen wegen an die macht gekommen waren, sich dieser macht bedienten, um die perversen programme der nationalsozialistischen ideologie zu verwirklichen, die sich an rassistischen vorurteilen orientierten.“ nun, die deutschen katolischen bischöfe 1941: ‚mit genugtuung verfolgen wir den kampf gegen die macht des bolschewismus.’ und 1942: ‚ein sieg über den bolschewismus wäre gleichbedeutend mit dem triumf der lehren jesu über die der ungläubigen’.

es ist eine ärgerliche arbeit, dies buch zu rezensieren, und ich breche die übung hier auch ab. wer mag, solls selber lesen. es ist unvorstellbar ärgerlich, sich durch diese lügen, verdrehungen und heiligenbeschwörungen zu lesen. ich habe kurze zehn seiten dieses literarischen undings beleuchtet, mehr zu tun, übersteigt meine psychohygienische gesundheit. wer glauben will, der glaube und lese über die ‚erlösung – ein sieg als gabe und aufgabe für den menschen’, ‚für einen rechten gebrauch der freiheit’, die ‚gedanken über den begriff vaterland’ und anderes mehr. neues erzählt der papst beileibe nicht, wird kein papst je erzählen und keiner seiner offiziere. nach lektüre dieses buches, gewiss auch anderer, ähnlicher werke, hat sich in mir die überzeugung herausgebildet, dass die ideologie des bösen tief in der geschichte des europäischen denkens verwurzelt ist. im christlichen, klerikalen, päpstlichen zumal.

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