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schandfleck.ch_textkritik/2005/september
david manuel kern
 

Das verschmutzte Papier des Elias Canetti

"Diese Wiederentdeckung mag auch deutschen Lesern zeigen, wohin diese Dichtung eines Außenseiters gehört: in die Nähe von Musil, Kafka, neben Samuel Beckett."
Dieser Auszug stammt aus der Süddeutschen Zeitung und schmückt die Rückseite einer Taschenbuchausgabe von Elias Canettis Blendung. Erwähnenswerterweise habe ich niemals zuvor in meinem Leben eine derart irrtümliche Annahme lesen müssen über ein Buch, wie bei diesem. Die Blendung in einem Atemzug mit Musil, Kafka zu nennen, ja sogar neben Samuel Beckett zu stellen, erweist sich schon nach wenigen Seiten dieses umfangreichen Romans als trügerisch oder zumindest versehentlich. Canettis im Grunde aber kleiner Text ist nichts als eine Wortreihung der Unannehmlichkeit, eine Schlamperei der Wiederkäuung, eine Parabel der Fadesse. Niemand versteht es besser als dieser Dichter, die vom Leser bereitgestellte Vorstellungskraft einzudämmen, sie ihm einfach wegzunehmen, bis er dasteht und nicht mehr weiß, wie er sich zu verhalten hat. Seine Unfähigkeit, eine Szene, eine Situation, eine Begebenheit zu beschreiben, ist von unüberbietbarer Klarheit. Die Darstellung der einzelnen Figuren, Kien, die Haushälterin, Fischerle, verhält sich konstant zum wirren Chaos, welches das Buch in jedem einzelnen Satz durchschlingt, mitgezogen vom planlosen Illustrieren der entgegengesetzten Denkweisen der Hauptdarsteller, oft ein und denselben Zustand betreffend. In fünfhundert langen, unzumutbaren Seiten versucht Canetti vergeblich den Leser in die verworrenen Geschehnisse einer verworrenen Stadt Wien zu führen, versucht, verholfen durch nutzlose Besuche von Vorstadtspelunken und endlose Spaziergänge in die menschliche Düsternis einer kalten und grausamen Stadt, Realitäten zu skizzieren, welches beschränkter und einfältiger nicht hätte geschehen können; so ist der Vergleich zu Kraus´ Letzten Tage der Menschheit annähernd unaussprechbar und frevelhaft, ja beinahe kriminell. Eine einzige darstellerische, realitätslose Plattheit, ein hilfloses und darum um so gescheitertes Bemühen. Canetti kann nicht schreiben, er kann keine noch so einfache Situation mit der Feder schildern, er ist schlichtweg kein Romancier. Canetti ist ein Theoretiker, was sein Monumentalwerk Masse und Macht entschieden beweist, Canetti ist ein Intellektueller, der wohl stets als Zeitgenosse einen scharfen Blick auf die gesellschaftlichen Umstände und sozialen sowie politischen Angelegenheiten und Katastrophen demonstrierte. Aber erzählende Literatur machen, dazu ist er nicht imstande. Ich denke dabei, naturgemäß immer, als Vergleich, um nicht auf eine ausschlaggebende Intertextualität in der Literatur zu vergessen, an Zweig, Schnitzler. Das waren Romanciers! Was klassische deutsche Sprache in Feinheit und Scharfsinnigkeit anbelangt, ist Stefan Zweigs Stellung in dieser Kulturgeschichte wohl nur mit dem eines Thomas Manns zu vergleichen, ähnlich Schnitzler, der wie niemand sonst in der Lage war, einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, einem Stand bis in die Perfektion nachzuschildern. Wo bleibt da ein Canetti? Ein Schriftsteller, der nicht schreiben konnte, ein Wahnsinniger, der nicht sterben konnte. Stets den Tod im Nacken, flüchtend sich selbst ein Denkmal setzen. Diese "Wiederentdeckung" hätte unentdeckt bleiben sollen, man hätte keinen Wandel ausgemacht, keine Veränderung täte sich preis. Musils sprachliche Kreativität, sein Schreibzwang in die Unvollendung, schenkte uns einen der größten Romane des zwanzigsten Jahrhunderts, eine Fragmentisierung der Genialität. Kafka und das Leiden, verschmelzend und vereint, ist zu den essentiellen Schätzen einer Kultur der Menschheit emporgeklettert und hat den Gipfel erreicht, wie wohl nichts zuvor. Was täten wir ohne Kafka? Was wären wir ohne Kafka? Sein selbstverständliches Scheitern von Grund auf hat uns alles verschafft, was in Worten fassbar ist. Und da erblicke ich Canetti, versteckt hinter den großen Worten, in Unauffälligkeit geschürt, in Gleichgültigkeit versunken, in Bedeutungslosigkeit ersoffen. Und der Ire, mächtig, groß, auf alles gefasst, das sich in einen Weg stellt, in die Absurdität verloren, die Sinnlosigkeit gepachtet, steht weit ab diesem Geschehen, ist kaum zu sehen, ist nicht zu sehen, gibt ihm nicht die Hand. "Wo ist Canetti?", fragt er sich, und ich. Bernhard hatte recht, der "Kleinschopenhauer". Das weiße Papier ist nicht rein geblieben auf des kleinen Mannes Schreibtisch, es ist verdreckt, es ist zum Lachen, es ist zum Weinen, es ist bis in die Ewigkeit verschmutzt, das weiße Papier, es wird nicht mehr weiß, für immer, bis in das Vergessen hinein, das die Ruhe bringt, die nötig ist, um wieder die Unschuld im Erinnern zu erlangen.

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