"Diese Wiederentdeckung
mag auch deutschen Lesern zeigen, wohin diese Dichtung eines Außenseiters
gehört: in die Nähe von Musil, Kafka, neben Samuel Beckett."
Dieser Auszug stammt aus der Süddeutschen Zeitung und schmückt
die Rückseite einer Taschenbuchausgabe von Elias Canettis Blendung.
Erwähnenswerterweise habe ich niemals zuvor in meinem Leben eine
derart irrtümliche Annahme lesen müssen über ein Buch,
wie bei diesem. Die Blendung in einem Atemzug mit Musil, Kafka
zu nennen, ja sogar neben Samuel Beckett zu stellen, erweist sich schon
nach wenigen Seiten dieses umfangreichen Romans als trügerisch
oder zumindest versehentlich. Canettis im Grunde aber kleiner Text ist
nichts als eine Wortreihung der Unannehmlichkeit, eine Schlamperei der
Wiederkäuung, eine Parabel der Fadesse. Niemand versteht es besser
als dieser Dichter, die vom Leser bereitgestellte Vorstellungskraft
einzudämmen, sie ihm einfach wegzunehmen, bis er dasteht und nicht
mehr weiß, wie er sich zu verhalten hat. Seine Unfähigkeit,
eine Szene, eine Situation, eine Begebenheit zu beschreiben, ist von
unüberbietbarer Klarheit. Die Darstellung der einzelnen Figuren,
Kien, die Haushälterin, Fischerle, verhält sich konstant zum
wirren Chaos, welches das Buch in jedem einzelnen Satz durchschlingt,
mitgezogen vom planlosen Illustrieren der entgegengesetzten Denkweisen
der Hauptdarsteller, oft ein und denselben Zustand betreffend. In fünfhundert
langen, unzumutbaren Seiten versucht Canetti vergeblich den Leser in
die verworrenen Geschehnisse einer verworrenen Stadt Wien zu führen,
versucht, verholfen durch nutzlose Besuche von Vorstadtspelunken und
endlose Spaziergänge in die menschliche Düsternis einer kalten
und grausamen Stadt, Realitäten zu skizzieren, welches beschränkter
und einfältiger nicht hätte geschehen können; so ist
der Vergleich zu Kraus´ Letzten Tage der Menschheit annähernd
unaussprechbar und frevelhaft, ja beinahe kriminell. Eine einzige darstellerische,
realitätslose Plattheit, ein hilfloses und darum um so gescheitertes
Bemühen. Canetti kann nicht schreiben, er kann keine noch so einfache
Situation mit der Feder schildern, er ist schlichtweg kein Romancier.
Canetti ist ein Theoretiker, was sein Monumentalwerk Masse und Macht
entschieden beweist, Canetti ist ein Intellektueller, der wohl stets
als Zeitgenosse einen scharfen Blick auf die gesellschaftlichen Umstände
und sozialen sowie politischen Angelegenheiten und Katastrophen demonstrierte.
Aber erzählende Literatur machen, dazu ist er nicht imstande. Ich
denke dabei, naturgemäß immer, als Vergleich, um nicht auf
eine ausschlaggebende Intertextualität in der Literatur zu vergessen,
an Zweig, Schnitzler. Das waren Romanciers! Was klassische deutsche
Sprache in Feinheit und Scharfsinnigkeit anbelangt, ist Stefan Zweigs
Stellung in dieser Kulturgeschichte wohl nur mit dem eines Thomas Manns
zu vergleichen, ähnlich Schnitzler, der wie niemand sonst in der
Lage war, einer Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten, einem Stand bis
in die Perfektion nachzuschildern. Wo bleibt da ein Canetti? Ein Schriftsteller,
der nicht schreiben konnte, ein Wahnsinniger, der nicht sterben konnte.
Stets den Tod im Nacken, flüchtend sich selbst ein Denkmal setzen.
Diese "Wiederentdeckung" hätte unentdeckt bleiben sollen,
man hätte keinen Wandel ausgemacht, keine Veränderung täte
sich preis. Musils sprachliche Kreativität, sein Schreibzwang in
die Unvollendung, schenkte uns einen der größten Romane des
zwanzigsten Jahrhunderts, eine Fragmentisierung der Genialität.
Kafka und das Leiden, verschmelzend und vereint, ist zu den essentiellen
Schätzen einer Kultur der Menschheit emporgeklettert und hat den
Gipfel erreicht, wie wohl nichts zuvor. Was täten wir ohne Kafka?
Was wären wir ohne Kafka? Sein selbstverständliches Scheitern
von Grund auf hat uns alles verschafft, was in Worten fassbar ist. Und
da erblicke ich Canetti, versteckt hinter den großen Worten, in
Unauffälligkeit geschürt, in Gleichgültigkeit versunken,
in Bedeutungslosigkeit ersoffen. Und der Ire, mächtig, groß,
auf alles gefasst, das sich in einen Weg stellt, in die Absurdität
verloren, die Sinnlosigkeit gepachtet, steht weit ab diesem Geschehen,
ist kaum zu sehen, ist nicht zu sehen, gibt ihm nicht die Hand. "Wo
ist Canetti?", fragt er sich, und ich. Bernhard hatte recht, der
"Kleinschopenhauer". Das weiße Papier ist nicht rein
geblieben auf des kleinen Mannes Schreibtisch, es ist verdreckt, es
ist zum Lachen, es ist zum Weinen, es ist bis in die Ewigkeit verschmutzt,
das weiße Papier, es wird nicht mehr weiß, für immer,
bis in das Vergessen hinein, das die Ruhe bringt, die nötig ist,
um wieder die Unschuld im Erinnern zu erlangen.