| schandfleck.ch_textkritik/2005/oktober |
david
manuel kern
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Harold Pinter und die Fiktion |
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Ich
spreche von der Moderne. Von einer. Und werde nicht schlau daraus. Ich
spreche nicht von einer Unbekümmertheit, ich spreche von Konkretem,
Daseiendem, Künstlichem. Moderne. Was immer das bedeutet. Pinter
und seine Theaterstücke. Ein paar habe ich gelesen nun, weniger aus
der Tatsache einer wohlbekannten Preisverleihung, als vielmehr aus einem
Spaziergang heraus. Einen durch die Stadt. Die Zeit war noch nicht spät
geworden und die üblichen Geschäfte und alles Dazugehörende
noch nicht verschlossen, und als ich an eines vorbei kam, eines das mir
stets aus im Grunde unersichtlichen Gründen heraus mit etwas Abneigung
entgegentritt, sah ich unter den im Freien aufgestapelten Büchern
einige von Harold Pinter. Ich entschied mich gegen den unikatorischen
Roman und bezahlte für ein paar Theaterstücke, darunter Die
Geburtstagsfeier, Die Heimkehr und Betrogen. Aber nach der überaus
schnellen Lektüre komme ich zu meinem Rätsel. Die große
Frage lautet: Reden Menschen so miteinander? Beschimpfungen, Beleidigungen,
Kränkungen, alles was das Menschliche zu bieten hat, wird hier geliefert,
gnadenlos und unbekümmert, in die Normalität verfallen. Etwas
zweifelt in mir. Obgleich ich jegliche Hoffnung eine intakte Mitmenschheit
betreffend, längst von Bord geworfen habe und mich so stets frage,
was mich hier noch hält, halte ich diese immer erneut gelieferten
Dialoge für wirklichkeitsfremd und irreal; ich denke, Beckett ist
näher an der Realität als dies hier. Ich bin überzeugt,
was in meinen Stücken geschieht, könnte überall, zu jeder
Zeit, an jedem Ort geschehen, auch wenn die Ereignisse zunächst fremd
erscheinen, sagt Pinter mit verschmitztem Lächeln und seiner
Kappe auf ihrem Platz. Mit sparsamen und überaus einfachen Worten
verkleidet schildert er Menschen, meist in Verwandtschaftlichkeit zueinandergehörend,
in Häusern auf dem britischen Festland, in Räumen der Schlaflosigkeit,
In Ekel getränkt, in Hass geboren, und zielt damit meist auf eines:
auf Unverständnis. Was sagen mir diese Stücke, was kann ich
projizieren, wo steckt das Reflektable? Ich lese und lese und finde nichts.
Nicht, dass diese Literatur nichts sagt, in Unnötigkeit verfällt.
Ich denke, das Interessante darin ist der Wandel der Sprache mit der Zeit,
die Veränderung der Worte in ihrem Kontext, die dramaturgische Neuheit
der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Sonst jedoch nichts.
Die Gespräche gibt es nicht, das Gesagte bleibt in seiner Fiktion,
der Umgang schwächelt in seiner eigenen Einbettung. Erwähnenswert
nur die Sparsamkeit des Ausdrucks, die grausame Ehrlichkeit der Protagonisten,
die kaum sichtbare Gefühlsregung. Die Wahrheit will hier geschildert
werden, Hyperrealität entsteht. Ich glaube kein Wort, nirgends, zu
keiner Zeit, an keinem Ort. Es sind nicht die Ereignisse, die fremd erscheinen,
die Unvorstellbarkeit verschwindet bei einem Treffen der Familie; das
Sich-Annehmen von Landstreichern, die Geburtstagsfeier eines Mannes, der
diesen Tag leugnet, die Betrogenheit eines Mannes gegenüber seiner
Frau, das ist nicht unbegreiflich, nicht bodenlos, nicht unfassbar. Doch
der Umgang aller beteiligenden Person untereinander, was sie sagen, wie
sie es sagen, was sie tatsächlich meinen, das ist Unsinn, lässt
alle Tatsachen dieser Welt hinter sich und begibt sich so in eine Welt
hinter der Realität, in eine Welt, die verlogen, zäh, nein,
falsch ist, eine Welt, die es schlicht und einfach nicht gibt, das ist
das Rätsel, das hier nicht einmal gelöst werden kann, weil es
nicht existiert. Die Inhalte der Stücke Pinters, das Gesagte, Gemeinte,
Gemurmelte, ist nichts als pure, undurchlässige, ausschließliche
Fiktion, nichts weiter. Die Literatur hat diesem Dichter viel zu verdanken,
vor allem was die Bereicherung der Vielseitigkeit einer Weltliteratur
ausmacht, und er kann schildern wie kaum ein anderer. Nur nach wenigen
Seiten findet man sich in diesen Texten zurecht und kann sich jedes kleinste
Detail vorstellen; alles hat seine Richtigkeit, jeder Dramaturg wird ihm
um die Schulter fallen. Aber dass er dem Leser weiszumachen versucht,
seine Welt ist eine existierende, eine echte, eine aufrichtige, ist ein
sinnloses Unterfangen, da die Naivität wie nichts ihre Grenzen kennt.
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