Wer war dieser Knut
Hamsun? Ein nordländischer Faschist, der sich ohne Zweifel dem
Irrtum der damaligen großen Zeit angeschlossen und unter Prügel
eine finanzielle Wiedergutmachung ausgelöst hat? Ein norwegischer
Romantiker, der sich unter Berufung des Wald- und Wiesengotts Pan für
die Schönheit der Natur und ihrer Kargheit, einschließlich
des allumfassenden Todes, groß gemacht hat? Oder ein einfacher,
dem arischen Wesen dienender und die Mentalität des harten Nordes
preisender Nationalsozialist, der von Grund auf alles andere, differenziertere,
fremde heillos ablehnte? Ich denke, das letztere bietet eine Konnotation,
die bei dem Namen Hamsun nicht mehr wegzudenken ist und ein Vorurteil,
das man bei keinen Schriften des Nobelpreisträgers ins Vergessen
rücken kann. Der Name Knut Hamsun war stets mit etwas Geheimnisvollem
begleitet, seine unerkennbaren Texte mit Gestrüpp des Rätselhaften
umwoben, eine gewisse Mystik niemals zu untergraben.
Nachdem ich mich eingehend beschäftigt habe mit dank des Zufalls
mit mir bekanntgemachte Lesung des Romans Hunger mit dem großen
Oskar Werner, der jede geschmacklose Geschichte in ein Abenteuer zu
verwandeln imstande war, befand ich mich in der nächsten Buchhandlung
mit dem Vorhaben, alle bestehenden Knut Hamsun Bücher zu erwerben.
Dieses Geratewohl bescherte mir die kleine Erzählung Björger
und den Roman Pan. In kürzester Zeit beide gelesen und in kürzester
Zeit darüber nachgedacht, wie weit mir dies möglich ist. Beide
Erzählung handeln gleichermaßen von der Liebe zwischen einem
Ausgestoßenen, Herumgetriebenen, von selbst ins Abseits des gesellschaftlichen
Lebens und des Lebens an sich Geratenen und eines (äußerst
jungen) Mädchens. Beide handeln von der Einsamkeit, in die eine
Veranlagung den Menschen schlittern kann und den Nutzen, den man aus
einer kalten, nordischen, provinziellen Isolation und Weltentfremdung
schöpfen kann.
Die Natur und die völlige absolute Verschmelzung des Menschen mit
ihr. Rousseaus verzweifelte Gedanken weitergedacht, sie prosaisch ins
Vollkommene getrieben. Und zugleich die großen Fehler der Menschen
mit ihren Irrtümern, Sturheiten, Verletzbarkeiten in auf den zweiten
Blick äußerster Sensibilität und Feinfühligkeit
zur Auseinandersetzung gebracht. Des Individuums Scheitern und Sehnsucht
nach dem, was nicht ist, kommt in jedem Satz zur Geltung und bringt
dem Substantiv Spannung erst seinen Verdienst. Knut Hamsun war ein Einsamer,
ein Fehlgeschlagener, ein Kämpfer gegen eine Gesellschaft, gegen
eine Zivilisation, gegen des Menschens Gangart. Er war ein Dichter der
unumgehbaren Einsamkeit, der die Schönheit nur in seinen Natur
gelten ließ, zum Ausdruck bringen konnte. Angesichts einerseits
der existentiellen Verzweiflung, die in jedem Satz der Leser, der ein
zugehöriger Teil der populistischen Vergesellschaftung einer Massenzivilisation
darstellt, zu spüren bekommt, und andererseits der naiv-hilflosen
Betrachtung eines zum Untergehen drohenden Lebens in der Pracht einer
Natur, das wiederum nur in der bescheidenen Fiktion ihre überlebensnotwendige
Nahrung findet, erscheint der Schreiber Hamsun als ein Relikt einer
Zeit, die Balsam für den Kopf bedeutet, hat man denn den Sinn und
den Mut, der eigenen Hingabe Vollendung zu schenken. Liest man die schlichten
Zeilen, diese sprachliche Kinderei und die stets von Neuem auftretende
narrative Unlogik der atmosphärischen Geschehnisse, so kann man
den Eindruck nicht verleugnen, dass hier keine sogenannte Weltliteratur
ins Lichte rückt, sondern vielmehr eine sich thematisch ins literarische
Milieu mit ihren vor Einsamkeit nassgetränkten Dichtern und dessen
ins Abseits der Gesellschaft gedrängten und trotzig hilflos dort
beharrenden Dasein schmiegenden Dichtkunst.
Die Flucht im Kopf nach etwas, das es in diesen unseren Zeiten nicht
mehr gibt, weil diese vollgestopft sind mit Menschen und deren ungestümem
Glauben. Hier geschieht die Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen
in einer Provinz des vorvorigen Jahrhunderts, die Konfrontation ratsam
unter dem Aspekt der nervlichen Entspanntheit und des Bewusstseins für
die Gefahr einer unüberlegten Verherrlichung.