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schandfleck.ch_textkritik/2006/februar
david manuel kern
 

Knut Hamsun und die Flucht im Kopf

Wer war dieser Knut Hamsun? Ein nordländischer Faschist, der sich ohne Zweifel dem Irrtum der damaligen großen Zeit angeschlossen und unter Prügel eine finanzielle Wiedergutmachung ausgelöst hat? Ein norwegischer Romantiker, der sich unter Berufung des Wald- und Wiesengotts Pan für die Schönheit der Natur und ihrer Kargheit, einschließlich des allumfassenden Todes, groß gemacht hat? Oder ein einfacher, dem arischen Wesen dienender und die Mentalität des harten Nordes preisender Nationalsozialist, der von Grund auf alles andere, differenziertere, fremde heillos ablehnte? Ich denke, das letztere bietet eine Konnotation, die bei dem Namen Hamsun nicht mehr wegzudenken ist und ein Vorurteil, das man bei keinen Schriften des Nobelpreisträgers ins Vergessen rücken kann. Der Name Knut Hamsun war stets mit etwas Geheimnisvollem begleitet, seine unerkennbaren Texte mit Gestrüpp des Rätselhaften umwoben, eine gewisse Mystik niemals zu untergraben.
Nachdem ich mich eingehend beschäftigt habe mit dank des Zufalls mit mir bekanntgemachte Lesung des Romans Hunger mit dem großen Oskar Werner, der jede geschmacklose Geschichte in ein Abenteuer zu verwandeln imstande war, befand ich mich in der nächsten Buchhandlung mit dem Vorhaben, alle bestehenden Knut Hamsun Bücher zu erwerben. Dieses Geratewohl bescherte mir die kleine Erzählung Björger und den Roman Pan. In kürzester Zeit beide gelesen und in kürzester Zeit darüber nachgedacht, wie weit mir dies möglich ist. Beide Erzählung handeln gleichermaßen von der Liebe zwischen einem Ausgestoßenen, Herumgetriebenen, von selbst ins Abseits des gesellschaftlichen Lebens und des Lebens an sich Geratenen und eines (äußerst jungen) Mädchens. Beide handeln von der Einsamkeit, in die eine Veranlagung den Menschen schlittern kann und den Nutzen, den man aus einer kalten, nordischen, provinziellen Isolation und Weltentfremdung schöpfen kann.
Die Natur und die völlige absolute Verschmelzung des Menschen mit ihr. Rousseaus verzweifelte Gedanken weitergedacht, sie prosaisch ins Vollkommene getrieben. Und zugleich die großen Fehler der Menschen mit ihren Irrtümern, Sturheiten, Verletzbarkeiten in auf den zweiten Blick äußerster Sensibilität und Feinfühligkeit zur Auseinandersetzung gebracht. Des Individuums Scheitern und Sehnsucht nach dem, was nicht ist, kommt in jedem Satz zur Geltung und bringt dem Substantiv Spannung erst seinen Verdienst. Knut Hamsun war ein Einsamer, ein Fehlgeschlagener, ein Kämpfer gegen eine Gesellschaft, gegen eine Zivilisation, gegen des Menschens Gangart. Er war ein Dichter der unumgehbaren Einsamkeit, der die Schönheit nur in seinen Natur gelten ließ, zum Ausdruck bringen konnte. Angesichts einerseits der existentiellen Verzweiflung, die in jedem Satz der Leser, der ein zugehöriger Teil der populistischen Vergesellschaftung einer Massenzivilisation darstellt, zu spüren bekommt, und andererseits der naiv-hilflosen Betrachtung eines zum Untergehen drohenden Lebens in der Pracht einer Natur, das wiederum nur in der bescheidenen Fiktion ihre überlebensnotwendige Nahrung findet, erscheint der Schreiber Hamsun als ein Relikt einer Zeit, die Balsam für den Kopf bedeutet, hat man denn den Sinn und den Mut, der eigenen Hingabe Vollendung zu schenken. Liest man die schlichten Zeilen, diese sprachliche Kinderei und die stets von Neuem auftretende narrative Unlogik der atmosphärischen Geschehnisse, so kann man den Eindruck nicht verleugnen, dass hier keine sogenannte Weltliteratur ins Lichte rückt, sondern vielmehr eine sich thematisch ins literarische Milieu mit ihren vor Einsamkeit nassgetränkten Dichtern und dessen ins Abseits der Gesellschaft gedrängten und trotzig hilflos dort beharrenden Dasein schmiegenden Dichtkunst.
Die Flucht im Kopf nach etwas, das es in diesen unseren Zeiten nicht mehr gibt, weil diese vollgestopft sind mit Menschen und deren ungestümem Glauben. Hier geschieht die Auseinandersetzung mit menschlichen Abgründen in einer Provinz des vorvorigen Jahrhunderts, die Konfrontation ratsam unter dem Aspekt der nervlichen Entspanntheit und des Bewusstseins für die Gefahr einer unüberlegten Verherrlichung.

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