| schandfleck.ch_textkritik/2006/september |
david
manuel kern
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Knut Hamsun und die Vermeintlichkeit: Zu Segen der Erde |
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Das ambivalente Verhältnis meiner Leseexistenz zu dem norwegischen Autor Knut Hamsun hat nach der Lektüre seines Romans Segen der Erde aus dem Jahre 1917 erneut einen Höhepunkt erreicht, der zu sein schon nach dem Verzehr seiner Texte Pan, Bjørger, Hunger, Mysterien unübertrefflich schien. Doch erscheint mir der Gedanke, Segen der Erde wie üblich als Hamsuns sogenanntes Hauptwerk zu apostrophieren, als hinlänglich illegitime und schlichtweg unnötige Reduzierung dieses unvergleichlichen Dichters. Denn die Gefahr bestünde, sich als unerfahrener Leser und Literaturneugieriger eben diesen jeweiligen Hauptwerken der Dichter zuzuwenden und die im Regelfall bestehenden "Nebenwerke" zu ignorieren. Und in diesem speziellen Fall wäre dies von katastrophaler Auswirkung. Auf den ersten Blick
erscheint Segen der Erde als ein zutiefst reaktionärer und
im Hinblick auf den zu folgenden politischen Verhältnissen leicht
zu missbrauchender oder tatsächlich in vollem Bewusstsein benutzter
Text. Die über ein Menschenleben sich erstreckende Geschichte des
Bauers Isak, der im Ödland Norwegens Land fruchtbar macht, eine
Familie gründet, sein Besitztum vergrößert, zu einigem
Reichtum und Ansehen kommt und so diesem Stück Natur als Pionier
menschliche Zukunft bereitet, klingt wie eine halbbiblische Parabel
auf die Heilsamkeit der Natur und des Lebens mit und in ihr. "Ihr seht alle Tage blaue Berge vor euch; das sind keine erfundenen Dinge, das sind alte Berge, die stehen da seit geraumer Vorzeit, aber sie sind eure Kameraden. So geht ihr zusammen mit Himmel und Erde, seid eins mit ihnen, seid eins mit dieser Weite und seid bodenständig. ( ) Sieh, da ist die Natur, sie gehört dir und den Deinen. ( ) Die Berge, der Wald, die Moore, die Matten, der Himmel und die Sterne - ach, das alle ist nicht armselig und karg zugemessen, das ist ohne alles Maß! ( ) Ihr habt alles, was ihr zum Leben braucht, alles, wofür ihr lebt, ihr werdet geboren und erzeugt neue Geschlechter, ihr seid notwendig auf der Erde. Ihr erhaltet das Leben." Und weiter unten: Das klingt zivilisationskritisch, anthropologisch-philosophisch bedenklich, nach konservativ-gefährlichen Werten rufend und religiösem Faschismus. Ein Dokument des reaktionären Konservativismus, der jegliches Projekt eines aufgeklärten Fortschritts zunichte macht. >1 Siehe : Hamsun, Knut: Segen der Erde. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 2004. S.335f.
Die Bandbreite des Schaffens dieses bedeutenden Schriftstellers Knut Hamsun wird abermals zur Bewusstheit gebracht. Den einzigartig in der Weltliteratur ihren Platz erlangten Werken wie Mysterien und Hunger wird ohne Zweifel Segen der Erde gerecht, wenn auch unter völlig anderen Gesichtspunkten. |
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