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schandfleck.ch_textkritik/2005/dezember
david manuel kern
 

Robert Walser und die Beschränktheit

Der Spaziergänger Robert Walser hat in wenigen Wochen ein Buch geschrieben, das den Namen Geschwister Tanner trägt. Es handelt sich hierbei um einen Roman, der von den vier Brüdern Simon, Kaspar, Klaus und Emil und deren Schwester Hedwig handelt. Der Protagonist ist Simon, der sich durch halbnihilistische Ausschweifungen und zur selben Zeit weltliche Liebeserklärungen auszeichnet und in den Tag hineinlebt, ohne Sorgen und Tugenden an eine Zukunft zu verschwenden, die ohnehin nichts zu bieten hat. Einmal wohnt er in der Stadt als Diener unter gutsituierten Bürgern, ein andermal verschläft, versieht, vertut er seine Zeit unter den ambivalent liebevollen Blicken seiner treuherzigen Schwester, die eine vereinsamte Existenz als Dorfschullehrerin fristet. Er ist entzückt über all die Anblicke dieser Welt, die jahreszeitlich bewegenden Menschen, die kleinen Zeichen der Natur, die landschaftlichen Augenblicke eines Daseins. Und so führt er ein "Leben des bloßen Beschauens und Sinnens".
Und doch ist er nichts als der moderne Taugenichts aus der Eichendorffschen Feder, in Naivität versunken, in Stumpfsinnigkeit verstrickt. Mit jedem Satz verstärkt sich der Ärger, der schon längst das ganze Buche überkommen, verstärkt sich die völlige Sinnlosigkeit, die alles das Buch betreffend anhaftet. Walser hätte sich in dieser Zeit ausschließlich dem Spaziergang widmen sollen, anstatt der Menschheit eine Geschichte zu schenken, die an Geschmacklosigkeit und Unsinn nichts zu übertreffen bestimmt. Mit fortschreitendem Inhalt überfloss mich das Gefühl, dass es sich hierbei um nichts als eine verstümmelte, in eine zeitgenössische Zeit übertragene, von religiöser Niedertracht nichts auslassenden Bibel handelt, welche die Intention besitzt, den Leser eine Eigenart vorzugaukeln, die dümmer und wahrheitsferner nicht hätte sein können. Des Romans außerordentlich ärmliche Sprache und auf den Kopf zu greifenden Diktion lässt ihn nicht mehr vergessen und zugleich die Empfindung nicht mehr aus dem Kopf, die literarisch wertvolle Zeit in den Zügen dieses armseligen Landstrichs aufs Gröbste verschwendet zu haben. Und immer wieder findet man pseudophilosophische, beschränkt bedachte Lebensüberlegungen, bei denen einem das Grauen vor den Kopf stoßt, gepaart mit stumpfsinnigem Nationalismus: " ...aber meine Lust an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist...". Das Buch ist gespickt mit endloser Geschwätzigkeit, die nichts auszudrücken vermag, die sich in der Unfähigkeit gebärt, Essentielles an den Tag zu legen. Die Zeit, die weggeworfenen Tage kommen ihm vor wie "zugeworfen von einem gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft". Oder: "Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als dass ich den Übermut hätte besitzen können, ihn durch Arbeit zu entweihen." Des Romans Wortreichtum offenbart um ein Weiteres die Absage an eine Relevanz des Gesagten, Geschriebenen, Gemeinten, in den Himmel Verschwindenten. Die ersten Seiten offenbaren das gesamte Geschehnis, wer diese hinter sich zu bringen imstande war, möge sich den Rest ersparen. Die endlosen Beschreibungen weniger Naturverrichtungen in Stifterschen Manier verekeln einem die Landschaftspracht Schweiz und der christlich-religiöse Nebel, der jedem Bild in ekelhafter Weise anhaftet, lässt den Schriftsteller in erbärmlicher Erinnerung zurück. Vielleicht tat er gut daran, in der Mitte seines Lebens die Feder aus der Hand gleiten zu lassen, um sie für immer weiterzureichen an Größeres, das noch kommen sollte in einem literarisch wohl zu raren Land.
Peter Bichsel schreibt in einem Nachwort zu Geschwister Tanner: "Es ist ein Märchen, und es ist für mich das erstaunlichste Märchen, das je geschrieben wurde, weil es kein anderes gibt, das so nahe an der Realität spielt." Und er irrt sich. Es ist tatsächlich ein Märchen, aber nur dadurch, dass in keinem einzigen Satz auch nur ein Funken Wahrheit steckt; hier wird auf die einfältigste Weise Realität ausgespart, hier wird Hohn erzeugt auf Kosten gutmeinender Lesen, hier wird Literatur zunichte gemacht. Vielleicht ist dieses Buch einzig und allein der verzweifelte Versuch, aus der Welt ein Gutes zu machen, ein Gutes, das der Wahnsinnige Walser selten zu Gesicht bekam.

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