Der Spaziergänger
Robert Walser hat in wenigen Wochen ein Buch geschrieben, das den Namen
Geschwister Tanner trägt. Es handelt sich hierbei um einen Roman,
der von den vier Brüdern Simon, Kaspar, Klaus und Emil und deren
Schwester Hedwig handelt. Der Protagonist ist Simon, der sich durch
halbnihilistische Ausschweifungen und zur selben Zeit weltliche Liebeserklärungen
auszeichnet und in den Tag hineinlebt, ohne Sorgen und Tugenden an eine
Zukunft zu verschwenden, die ohnehin nichts zu bieten hat. Einmal wohnt
er in der Stadt als Diener unter gutsituierten Bürgern, ein andermal
verschläft, versieht, vertut er seine Zeit unter den ambivalent
liebevollen Blicken seiner treuherzigen Schwester, die eine vereinsamte
Existenz als Dorfschullehrerin fristet. Er ist entzückt über
all die Anblicke dieser Welt, die jahreszeitlich bewegenden Menschen,
die kleinen Zeichen der Natur, die landschaftlichen Augenblicke eines
Daseins. Und so führt er ein "Leben des bloßen Beschauens
und Sinnens".
Und doch ist er nichts als der moderne Taugenichts aus der Eichendorffschen
Feder, in Naivität versunken, in Stumpfsinnigkeit verstrickt. Mit
jedem Satz verstärkt sich der Ärger, der schon längst
das ganze Buche überkommen, verstärkt sich die völlige
Sinnlosigkeit, die alles das Buch betreffend anhaftet. Walser hätte
sich in dieser Zeit ausschließlich dem Spaziergang widmen sollen,
anstatt der Menschheit eine Geschichte zu schenken, die an Geschmacklosigkeit
und Unsinn nichts zu übertreffen bestimmt. Mit fortschreitendem
Inhalt überfloss mich das Gefühl, dass es sich hierbei um
nichts als eine verstümmelte, in eine zeitgenössische Zeit
übertragene, von religiöser Niedertracht nichts auslassenden
Bibel handelt, welche die Intention besitzt, den Leser eine Eigenart
vorzugaukeln, die dümmer und wahrheitsferner nicht hätte sein
können. Des Romans außerordentlich ärmliche Sprache
und auf den Kopf zu greifenden Diktion lässt ihn nicht mehr vergessen
und zugleich die Empfindung nicht mehr aus dem Kopf, die literarisch
wertvolle Zeit in den Zügen dieses armseligen Landstrichs aufs
Gröbste verschwendet zu haben. Und immer wieder findet man pseudophilosophische,
beschränkt bedachte Lebensüberlegungen, bei denen einem das
Grauen vor den Kopf stoßt, gepaart mit stumpfsinnigem Nationalismus:
" ...aber meine Lust an der Welt opfere ich niemandem zu Gefallen,
höchstens würde ich sie dem heiligen Vaterlande hinopfern,
wozu bis jetzt die Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist...".
Das Buch ist gespickt mit endloser Geschwätzigkeit, die nichts
auszudrücken vermag, die sich in der Unfähigkeit gebärt,
Essentielles an den Tag zu legen. Die Zeit, die weggeworfenen Tage kommen
ihm vor wie "zugeworfen von einem gütigen Gott, der gern einem
Taugenichts etwas hinwirft". Oder: "Ich habe den Tag als zu
schön empfunden, als dass ich den Übermut hätte besitzen
können, ihn durch Arbeit zu entweihen." Des Romans Wortreichtum
offenbart um ein Weiteres die Absage an eine Relevanz des Gesagten,
Geschriebenen, Gemeinten, in den Himmel Verschwindenten. Die ersten
Seiten offenbaren das gesamte Geschehnis, wer diese hinter sich zu bringen
imstande war, möge sich den Rest ersparen. Die endlosen Beschreibungen
weniger Naturverrichtungen in Stifterschen Manier verekeln einem die
Landschaftspracht Schweiz und der christlich-religiöse Nebel, der
jedem Bild in ekelhafter Weise anhaftet, lässt den Schriftsteller
in erbärmlicher Erinnerung zurück. Vielleicht tat er gut daran,
in der Mitte seines Lebens die Feder aus der Hand gleiten zu lassen,
um sie für immer weiterzureichen an Größeres, das noch
kommen sollte in einem literarisch wohl zu raren Land.
Peter Bichsel schreibt in einem Nachwort zu Geschwister Tanner: "Es
ist ein Märchen, und es ist für mich das erstaunlichste Märchen,
das je geschrieben wurde, weil es kein anderes gibt, das so nahe an
der Realität spielt." Und er irrt sich. Es ist tatsächlich
ein Märchen, aber nur dadurch, dass in keinem einzigen Satz auch
nur ein Funken Wahrheit steckt; hier wird auf die einfältigste
Weise Realität ausgespart, hier wird Hohn erzeugt auf Kosten gutmeinender
Lesen, hier wird Literatur zunichte gemacht. Vielleicht ist dieses Buch
einzig und allein der verzweifelte Versuch, aus der Welt ein Gutes zu
machen, ein Gutes, das der Wahnsinnige Walser selten zu Gesicht bekam.