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schandfleck.ch_textkritik/2005/november
david manuel kern
 

Xaver Bayer und der glückliche Tag

Wie reden von Realismus. Im Wien der Gegenwart, ein Topf voll Melancholie, Trostlosigkeit und Fadesse. Das Leben ist ein einziges Warten. Worauf, das weiß man nicht. Die Menschen vegetieren dahin in ihrer strammen Haltung und das weibliche Geschlecht bleibt im Grunde unantastbar. Die Natur schert sich einen Dreck um einen und die Tage verrinnen wie die endlosen Tropfen eines undichten Daches. Wir kommen nicht aus unserer Existenz heraus, der Nihilismus hat seinen Thron bestiegen.
Der Debütroman des jungen Wiener Xaver Bayer Heute könnte ein glücklicher Tag sein besticht durch Wortarmut, Sprachminimierung und Handlungsauflistung. Hier wird kaum gedacht, geschweige denn reflektiert. Der zu seinem Schöpfer gleichaltrige Protagonist fristet ein hoffnungsloses Studentendasein, das sich durch diverse Alkohol- und Drogenräusche, flüchtige sexuelle Abenteuer und strikten Konsum von Kinofilmen und Nachtspaziergängen, gepaart mit undurchsichtigen Alltagsbeobachtungen und immer wiederkehrenden Kaffeehausbesuchen, auszeichnet. Befindet er sich nicht gerade im Stadium des Rausches, quält ihn der darauffolgende Kater oder schmerzt ihn sein Magen, der dank Essensabstinenz in Verstimmung geriet. Klingt alles nach schon Bekanntem. Einmal erinnert der Text an Charles Bukowski, der ohne seine Sucht nicht der geworden wäre, den er heute in seiner Rezeption darstellt, ein andermal weist alles auf Hunter S. Thompson, besonders wenn der Protagonist seiner vorrübergehenden Tätigkeit als Journalist in vollkommener Trunkenheit nachgeht. Die plagiative Auseinandersetzung mit Texten in Hinblick auf ein Produkt seiner selbst ist stets abzulehnen, auch wenn die Versuchung sich als unüberbrückbar darstellt. Ebenso erscheint die gezwungene Tristesse, die den gesamten Text beherrscht, nach einigen Seiten in Extravaganz auszuarten, in geschwollener Pflicht, um ein künstlerisches Produkt, um eine existentielle Einbildung wahrhaft zu machen. Das in Dreieinhalbstunden gelesene Werk schreckt vor einer Auflistung des Immergleichen nicht zurück, zahlreiche Menschen, Freunde, unerhebliche Frauen, Marihuana, Kokain, Alkohol, Zigaretten, spärliche Gespräche, deren dialogischer Wert im Unerwähnenswerten versickert und eine allumfassende Hoffnungslosigkeit, dessen Ende nicht in Sicht ist. Hier artikuliert sich keine Alltagssprache, man findet keine Sprachexperimente, keine semantischen Bilder; die übliche sprachliche Poesie ist wie in voller Absicht wegradiert, ausgelöscht, so als gäbe es keine. Die sprachliche Minimierung schlägt sich auf den ersten Blick in Primitivität aus. Überhaupt scheint die Welt aus Wiederholungen zu bestehen, Tag ein Tag aus das Immerwährende, Unumgängliche, Offensichtliche. Der Schnee, der durch die noch bestehende Wärme nicht liegen bleibt, die alten Frauen am Straßenrand, die das Gras noch mit Sensen mähen, der Busfahrer, der nicht in der Station stehen bleibt, weil niemand ein- und aussteigen will, die durch die spielenden Kinder verursachten Schneeverwischungen auf den Autos. All das rückt in den Mittelpunkt, sperrt sich gegen jegliche Verantwortung. Es sind Beobachtungen, die kaum wahrgenommen werden vom Trubel der Zeit, die niemand ernst nimmt, da sie auf den ersten Blick nicht erwähnenswert erscheinen.
Und hier, in diesem Moment des Lesens, taucht etwas auf, das einer angängigen Poesie näherrückt. Denn in seiner Sprachlosigkeit, in seinem Handlungsüberdruss bietet dieses kleine Werk eine prachtvolle Kulisse für eine mögliche Existenz unter all den vielen, es lässt eine Welt eröffnen, die so noch nicht artikuliert wurde, ohne überdrüssige Ausschmückungen, ohne Wortspielereien, ohne komplizierte und somit störende Gedankengänge, die der sehr wohl herrschenden Romantik alles stehlen würden. Die Nüchternheit dieser unscheinbaren Sätze, dieser kleinen Geschichte, schafft eine Atmosphäre, die vorher nicht gekannt, für möglich, für tatsächlich gehalten wurde. Jeder innere Monolog, jeder für noch so wertvoll gehaltene Gefühlausbruch täte nichts als die eigentümliche Stimmung zerschlagen und dieses Buch in die Belanglosigkeit vieler Bücher verwandeln. So sprüht dieses Geschriebene eine gewisse Einzigartigkeit aus und mündet in eine literarische Bedeutung, wie sie selten in der österreichischen Gegenwartsliteratur zu finden ist.
Hier liegt uns ein Buch des Optimismus vor, ein auf den zweiten Blick lebensbejahendes, mit dem menschlichen Dasein versöhnendes Dokument unserer Zeit, an dem man teilzunehmen hat, versteht man sich als geistiger Auseinandersetzer mit einer Gesellschaft, die ohne solch Kunstprodukte auseinanderzubrechen droht.

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