news ¦ archiv ¦ forum ¦ kontakt ¦ literatur ¦ shop ¦ links
schandfleck.ch_textkritik/2006/oktober
david manuel kern
 

Hermann Hesse - Unterm Rad

Ein kleiner, 1906 erschienener Roman des Literaturnobelpreisträgers Hermann Hesse sprengt alle von vornherein festgenagelten Ansprüche, die sich nach einigen Büchern mit wenigen guten essentiellen Gedanken und Sätze, dafür vollgepackt mit leeren Worthülsen und vor allem gedachten Scheußlich- und Unnützlichkeiten, beinahe in Vollendung erschlossen haben.
Jene nebenbei auf einen zugekommenen Texte dieses Dichters erwiesen sich ohne Ausnahme als Debakel für die menschlich-literarische Gesinnung. Denn um religiöse Ausbildung zu erringen, brauche man keinen württembergerischen Alternativpfarrer wie Hesse einer gewesen ist. Das religiöse Motiv kommt in beinahe allen gelesenen Romanen und Erzählungen zum Vorschein.

Ich spreche nicht von Siddharta, das gemeine Werk für eine theologisch-begründetes und -erfülltes Leben, eine Pseudoparabel in einer weiten exotischen unbekannten Welt auf das Leben Jesus oder Buddhas oder sonst ein anhängerischer Konsorte einer gefährlich minderbemittelten und doch so (oder gerade deshalb) erfolgreichen Geistesfassung. Der Brahmanensohn Siddharta erlebt nach Ausschweifungen des Glückspiels und Alkohols seine gnädige Göttlichkeit, die ihm vorm Selbstmord bewahrt: die Heiligkeit verwirft das Leben, wie es ist, mit Höhe- und Tiefpunkten, und lässt den Menschen, den Suchenden in utopischer Scheinheiligkeit zurück.
Nicht ohne Grund wurde dieses kleine Büchlein von abermillionen Geblendeten gelesen.

Ich spreche nicht vom Steppenwolf, dessen Schablone eines geistig Begabten und Verwirrten im zwiespältigem Streite mit einem bürgerlichen und geregelten Lebensalltag nur ein müdes Lächeln, vermutliches Nicken mit sich führt. Und die Lösung, ja die Lösung aller Angelegenheiten und Verzweiflungen liegt hier arglos im Humor. Diesen zu erkennen, ermöglicht plötzlich ein sorgenloses Leben in Bürgerlichkeit, in geistiger Revolution, in stumpfsinnigem Provinzialismus; wie beliebt. Denn das Tragische kehrt sich um in der Unsterblichkeit, die den Humor gepachtet hat und somit die fröhliche Lebensbejahung mit Goethe und Mozart umarmt.

Ich spreche nicht von Knulp, einer Erzählung Hesses, die in drei Geschichten geteilt wird und eine entbehrliche Fort- oder Rückführung von Eichendorffs Aus dem Leben eines Taugenichts zu sein scheint und trotz einer herben Enttäuschung seitens Knulps (der selbst, um nicht unrecht zu tun, mit der Figur des Taugenichts wenig gemein hat) als eine lächerlich verzagte leichtmütige Kummerlosigkeit (mit Ausnahmen, natürlich) gepriesen wird. Und dies, wenn auch mit einer auf den ersten Blick kaum auffallenden Gewissheit, bis zum Schluss, als der enttäuschte und verbitterte Taugenichts und bis zum radikalen Ende bürgerlicher Abwender die Versöhnung mit Gott und also mit sich vollziehen kann. Die Religion siegt, sie ist des Menschens vermeintliches Glück.

Ich spreche nicht von Demian, der zwar inhaltlich für Gespräch sorgt und dessen Einfühlsamkeit für eine Thematik, die mit dem Ausbruch des Jünglings aus dem rigiden, falsch-moralischen Erziehungsirrtum spielt und das schmerzliche Seelenensemble des Emil Sinclair streift, dessen Konfrontation dennoch abermals in der religiösen Frage steckt und somit eine Lösung des Konflikts im psychoanalytischen Sinn durch das Erfahrene theologisch forciert wird.

Ich spreche nicht von diesen Romanen und Erzählungen, und doch kann ich bloß beinahe alle Worte darüber verlieren. Wenn man sich mit Hesse konfrontiert, erscheint einem die Zeit zu flüchtig, das Rätselhafte und Faszinierende vergänglich, die Geschichten beinahe wiedergekaut.
Mit Hesse fängt man an, hört aber nicht auf. Die Erwartung ist jedes Mal die großartige, die elend und jämmerlich zugrunde geht; und doch gibt man die Hoffnung nicht auf, es kommt stets die Zeit, wo seine Bücher wie von Geisterhand und vom puren Zufall zwischen den anderen Heimgetragenen stecken, um, angekommen, ein wissendes Schmunzeln zu verbreiten, wenn man beim Erblicken des Bändchens ungläubig den Kopf schüttelt.
Und so liest man immer wieder den kleinen Schriftsteller mit seinen Exilen in Deutschland und der Schweiz, nimmt die verzweifelte Versuchung an, ihn doch noch zu retten, ihm doch noch einen gesicherten Platz zuzuweisen im Gedächtnis der Literatur. Geradeso wie ich, dessen Blicke etliche Male die kleinen Bändchen streifen, nur um wieder erinnert zu werden, dass hier noch eine Verstörung vorliegt, eine unaufgearbeitete Begebenheit.
Auch jetzt fiel mir erneut ein Buch in die Hand, in einer schönen Ausgabe, mit einem interessanten Nachwort, und fiel ebenso schnell in den Bündel der dichterischen Entschlüsse.

Nun ist die Zeit gekommen und ich spreche gerne über Hermann Hesses Unterm Rad. Allzu gerne. Denn diese literarische, doch längst in die weiten Vergänglichkeiten eingemauerte Sensation führt zu jener Glücklichkeit, welche die Hoffnung ersetzt, um angenehme Klarheit werden zu lassen.

"Herr Joseph Giebenrath, Zwischenhändler und Agent, zeichnete sich durch keinerlei Vorzüge oder Eigenheiten vor seinen Mitbürgern aus. Er besaß gleich ihnen eine breite, gsunde Figur, eine leidlich kommerzielle Begabung, verbunden mit einer aufrichtigen, herzlichen Verehrung des Geldes, ferner ein kleines Wohnhaus mit Gärtchen, ein Familiengrab auf dem Friedhof, eine etwas aufgeklärte und fadenscheinig gewordene Kirchlichkeit, angemessenen Respekt vor Gott und der Obrigkeit und blinde Unterwürfigkeit gegen die ehernen Gebote der bürgerlichen Wohlanständigkeit."

Welch kongeniale, sprachlich stilsichere einleitenden Beschreibung der kleinbürgerlichen, in Massen anzutreffenden Zustände unserer Zeit, wiewohl das Buch vor bald einem Jahrhundert geschrieben wurde. Und in dieser Melodie fährt das Buch fort. Es besitzt eine Aktualität, die sondergleichen sucht: Die Hoffnung des kleinen Vaters, mithilfe des begabten Kindes gesellschaftlich voranzukommen, das Unverständnis für das Scheitern und den darauffolgenden ausweglosen Schmerz des Sohnes. Die Reaktionen des provinziellen Reaktionismus im heimatlichen Dorf, der schulische Ehrgeiz, der den Schüler und späteren Klosterseminaristen Hans Giebenrath verlässt und auf seine Bildungskomplizen aufspringt. Die dichterische Rebellion des Genies, die erstmals bei Hans' Freund Hermann Heilner auftaucht und bald ihn selbst erfasst, die doch nur Erbärmlichkeit und Armut mit sich bringt und ein Leben in Melancholie schafft. Die Trostlosigkeit der Liebe und der körperlichen Arbeit, die zum Ende führen.

Hesses scharfe Anklage gegen das Schulsystem, gegen die unhinterfragte Autorität, gegen die harte unempfindsame Welt und Gesellschaft, gegen Ignoranz und Hetze, Hesses Verteidigung der Kindheit, der Freiheit und Offenheit und liberale Geisteshaltung; all dies lässt Unterm Rad als eines der wichtigsten Bücher des zwanzigsten Jahrhunderts, ja reichend in die Gegenwart mit ihrer kapitalistischen Orientierung und Leistungsdenken, erkennen. Die thematische sowie sprachliche Auseinandersetzung auf höchstem Niveau lässt dieses Büchlein alle weiteren Hesses in den Schatten stellen und ein beinahes Berühren an Thomas Manns Tonio Kröger ohne Zögern zu:

"Nun lief er in den Herbstfeldern umher und erlag dem Einfluß der Jahreszeit. Die Neige des Herbstes, der stille Blätterfall, das Braunwerden der Wiesen, der dichte Frühnebel, das reife, müde Sterbenwollen der Vegetation trieb ihn (...) in schwere, hoffnungslose Stimmungen und traurige Gedanken. Er fühlte den Wunsch, mit zu vergehen, mit einzuschlafen, mit zu sterben, und litt darunter, daß seine Jugend dem widersprach und mit stiller Zähigkeit am Leben hing." >1


Bloß eine Beschwernis trägt das Buch in sich. Es ist ein weiteres Mal jenes des religiösen Motivs, der vermeintlich frommen Richtigkeit. Denn als einziger der Figuren im Buch, wusste der Schuhmacher Flaig, dass es kein Gutes sei, dem Jungen zu viel an geistiger Arbeit zuzumuten, man ihm auch Zeit geben müsse, sich an Erholung und Freizeit zu erfreuen. Doch dieser Flaig war gottesfürchtiger und gottesfundamentaler als der örtliche Stadtpfarrer, und deshalb in Missgunst über jenen liberalen Gottesmann sprach. Und am Ende erscheint es, als hätte der brave Schuhmacher recht gehabt.

Vielleicht war es Hesse nie gelungen, den Ballast der Religion endlich auf den Weg liegen zu lassen, um in eigener absoluten Freiheit schaffen zu können. Vielleicht ist auch er nicht ganz der Enge der Tradition entflohen. Vielleicht hat auch er im Stirnebieten versagt.
Doch angesichts dieses elementaren geschaffenen Buches möge ich ihm dies verzeihen und die Geschichte weitergeben, auf dass sie niemals in Vergessenheit gerät.


>1 Hermann Hesse: Unterm Rad. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag 1994. S.9/127

news ¦ archiv ¦ forum ¦ kontakt ¦ literatur ¦ shop ¦ links
nach oben >>>